Lieber Aldo

Brigitta Schild

 

Brigitta Schild, dipl. Arch. ETH und freischaffende Journalistin, schreibt einen Brief an den niederländischen Architekten Aldo van Eyck (1918–1999), der in Den Haag und an der ETH Zürich (1938–1942) studierte, und als einer der Gründerväter des Strukturalismus in der Architektur gilt. Zudem spielte er eine wichtige Rolle in der CIAM (Congrès Internationaux d’Architecture Moderne).

 

Lieber Aldo

jetzt also doch! Ich hätte nicht geglaubt, dass ich dir mal schreibe – denn dem Strukturalismus konnte ich nicht grad viel abgewinnen. Das lag nicht nur an einem doktrinären Raster-Verfechter an der ETH, sondern auch an meinem jugendlichen Unvermögen die Freiheit beim Entwurf, zu Gunsten der Freiheit einer späteren Nutzung aufzugeben. Du, Hertzberger und Bakema wart mir zu steif, eure Zellengebilde zu starr, ja … irgendwie auch zu dogmatisch. Mein Unverständnis und meine Vorurteile hielten an, bis ich mich vor Ort die Lebendigkeit in diesen Zellen-Bauten überzeugte. Vielleicht lag das aber auch nur an euch Holländern … Aber das ist ein anderes Vorurteil.

Das Zwischenmenschliche, speziell die Kommunikation waren zentral – die Architektur das Mittel dazu. Standardisierung, platte Industrialisierung und rein ökonomischer Funktionalismus waren dir und deinen Mitstreitern zutiefst zuwider. Dir, dem Poeten – immerhin hast du dir überlegt Literatur zu studieren-  war diese rationale Haltung natürlich viel zu kalt, zu seelenlos. Raum und Zeit zu abstrakt, theoretisch abgehoben und vom Menschsein losgelöst. «Für uns hat der Raum keinen Platz die Zeit keinen Moment. Wir sind ausgeschlossen. (…) Was auch immer Raum und Zeit bedeuten, Ort und Anlass bedeuten mehr, denn der Raum ist in unserem Bild der Ort, und die Zeit ist in unserem Bild der Anlass», schriebst du 1962. Damit, lieber Aldo, hast du die Grundlage für eine konkrete, auf den Menschen ausgerichtete Stadtplanung und Architektur geschaffen.

Diese Haltung hast du gleich nach dem Krieg umgesetzt. Da warst du im Amsterdamer Stadtplanungsamt angestellt und hast Spielplätze entworfen. Rudimentär gestaltet, wurden sie zu Orten der Begegnung, des Austauschs und der Wiederbelebung einer zerstörten, vom Krieg gezeichneten Stadt und ihrer Einwohner. Als «Injektionen» bezeichnetest du sie deshalb. Rund siebenhundert «Injektionen» zur Kommunikation und Bewegung in der Stadt. Das Spiel als Anlass.

Auch als Architekt hast du Orte geschaffen. Das städtische Waisenhaus in Amsterdam hast du in sich als «Stadt en miniature» geschaffen. «Macht aus jeder Tür einen Willkommensgruss, aus jedem Fenster einen Gesichtsausdruck. Macht aus allem einen Ort; eine Gruppe von Orten aus jedem Haus und jeder Stadt», schriebst du später.

Den Individuen hast du immer all deinen Respekt gezollt. Hast dich den Kindergrössen angepasst, jeden Ein- oder Durchgang speziell ausgebildet, mit Raumhöhen Spannung geschaffen und deine Raumzellen um eine zentrale Erschliessungsstrasse angeordnet. Diese diente als Begegnungszone, als Spielplatz im Innern.

Lieber Aldo, herzlichen Dank für dein zutiefst demokratisches Verständnis von Architektur und Stadtplanung, für deine Ablehnung des Monumentalen, für dein Desinteresse am Personenkult und für dein Wirken im Hintergrund, im Dienst des Menschen.

Ein zweiter Blick auf deine/eure Arbeit hat sich gelohnt!

Beste Grüsse
Brigitta Schild

Ps: … vielleicht könntest du ein anderes Mal über die «Injektionen» im heutigen Städtebau nachdenken. Was meinst du?

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