Facetten der Nachhaltigkeit

Facetten der Nachhaltigkeit

Interface_Fotosfera_Samen des Wunderbaums

Die Teppichfliesen der Kollektion «Fotosfera» bestehen aus den Samen des Wunderbaums.

Viele wünschen es sich, wenige setzen es konsequent um – nachhaltige Produktion ist ein beliebtes Stichwort, mit dem sich viele Firmen schmücken. Die Firma Interface zeigt jedoch, dass eine nachhaltige Industrie nicht nur technisch sondern auch finanziell möglich ist. Über 20 Jahre sind vergangen, seit sich der weltweite Hersteller von modularen Bodenbelägen öffentlich zur Nachhaltigkeit bekannte. Einige Ideen haben sich dabei als unmöglich herausgestellt, andere funktionierten. Fest steht: Die hohen Ansprüche and die Nachhaltigkeit haben Kreativität und Innovation gefördert und das erdölbasierte Produkt revolutioniert.

Interface_Fotosfera_Amreli

Das erste marktreife biobasierte Produkt von Interface nennt sich «Fotosfera». Dass es zu 63 Prozent aus dem Öl des Rizinussamen des Wunderbaums besteht, war ein Schritt in die Unabhängigkeit von petrochemischen Rohstoffen.

Die Wende zur Nachhaltigkeit und ihre Folgen

Das ambitionierte Ziel, bis 2020 ausschliesslich recycelte oder biobasierte Rohmaterialien zu verwenden, ist nicht leicht umzusetzen. Vor allem weil es sich bei der Teppichfliese um ein Produkt handelt, das aus petrochemischen Rohstoffen gefertigt wird, ist ein ganzheitliches Umdenken bereits beim Ausgangsmaterial die logische Konsequenz. Trotzdem hat sich das globale Unternehmen bereits in den 1990er-Jahren dazu bekannt, den Schritt zu wagen. Was damals auf Skepsis stoss, gilt heute als richtig: Die «Mission Zero» ist zwar ein ambitioniertes Ziel, es begünstigte jedoch über die Jahre den Einsatz von kreativen und innovativen Materialien, Rohstoffen und Prozessen. Bisher sind dadurch mehrere wegweisende Kollektionen entstanden, die von den neu entwickelten Produktionsverfahren profitieren.

Biosfera_Boucle-close-up

Mit «Biosfera» schuf Interface 2011 die weltweit erste Teppichfliese aus 100 Prozent recyceltem Garn.

Der Zwischenstand 2015 lässt sich sehen: Seit 1996 konnte das Unternehmen seine Treibhausgasemissionen europaweit um 98 Prozent pro Produktionseinheit (1 m²)  reduzieren, wobei der Einsatz erneuerbarer Energien um 95 Prozent gestiegen ist. Ausserdem ist heute die Hälfte der Rohstoffe, die bei Interface in der Produktion zum Einsatz kommen, recycelt oder biobasiert. Seit dem Jahr 2000 werden zudem Lebenszyklusanalysen (LCA: Life-Cycle Assessment) erstellt. Des Weiteren stehen für alle Produktgruppen Umweltproduktdeklarationen (EPDs: Evironmental Product Declarations) zur Verfügung, welche die ökologischen Produktmerkmale offen legen und von einer unabhängigen Dritten Partei verifiziert sind. Mit diesen Massnahmen schafft die Firma Transparenz auf Produktebene und ermöglicht der Öffentlichkeit eine eigenständige Meinungsbildung.

Microsfera---608163-Warm-Grey,-608164-Griege

Innovativ: Diese Teppichfliesen der Kollektion «Biosfera» entstehen aus alten Fischernetzen.

Ausrangierte Fischernetze neu beleben

Besonders innovative Ansätze zeigt Interface im Bezug auf alternative Rohstoffe. Ein überraschendes Beispiel bietet der Einsatz von alten, ausrangierten Fischernetzen. In verarmenden Küstenregionen, z. B. den Philippinen, verlieren viele lokale Fischer weiterhin ihre Arbeit. Gleichzeitig sind das Meer und die Strände mit Tonnen von ausrangierten Fischernetzen übersäht, die durch die örtlichen Gemeinden nicht nachhaltig entsorgt werden können. Die sogenannten «Geisternetze» stellen eine ernsthafte Bedrohung für das Riff sowie Meerestiere und Fische dar, die dem Ökosystem schaden und die Lebensgrundlage der Einheimischen bedrohen. Da das Polyamid der Fischernetze das gleiche Material ist, das in den Teppichfliesen zum Einsatz kommt, hat Interface zusammen mir der Zoological Society of London (ZLS) und dem Garnlieferanten Aquafil 2012 das «Net-Works-Programm» ins Leben gerufen. Dabei soll eine auf der örtlichen Gemeinschaft basierende Lieferkette für ausrangierte Fischernetze entstehen, womit die Lebensbedingungen der lokalen Fischer verbessert werden können. Gleichzeitig erschließt sich Interface eine innovative post-consumer Rohstoffquelle für Recyclingmaterialen zur Herstellung von Teppichfliesen.

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Die Kollektion «Touch of Timber» besteht standardmässig aus 100 Prozent recyceltem Garn und enthält eine Vorbeschichtung aus recyceltem PVB. 

Touch-of-Timber---Walnut-(variable-ashlar)

Alternativ zur Imitation des Fischgrätparketts im vorherigen Bild, kommt hier das «Skinny-Planks»-Format (25 cm x 100 cm) in linearer Anordnung zum Einsatz. Das scheinbar zufällige Muster imitiert auf subtile Weise die Struktur von Holz und Rinde.

Vom Windschutz zur Teppichfliese

Ein anderer, technisch etwas komplizierterer Recyclingprozess führt Interface mit alten Windschutzscheiben und verschiedenen Partnern innerhalb der Lieferkette durch. Damit diese besser vor dem Zerbrechen geschützt sind, wird Polyvinylbutyral (PVB) als Verbundmaterial eingesetzt. Im Gegensatz zum PVB wird Glas bereits seit Langem in der Branche recycelt. Interface hat in langjähriger Forschungsarbeit zusammen mit seinen Lieferanten ein Verfahren entwickelt, mit dem das PVB den Windschutzscheiben wieder entnommen werden kann, um es im Anschluss als Verankerung des Garns mit dem Rücken der Teppichfliese (Backing, siehe Bild unten) einzusetzen. Traditionellerweise wird hierbei eine Vorbeschichtung aus Latex eingesetzt, die durch ihr Ausgangsmaterial einen viermal höheren CO2 Fussabdruck hat als die Variante mit dem recyceltem PVB der Windschutzscheiben. Durch die Verwendung von recyceltem PVB konnte der CO2-Fußabdruck der Vorbeschichtung im Vergleich zu traditionellem Latex um 80% reduziert werden.

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Die Verankerung des Garns mit dem Rücken.

Viel versprechender Slogan – Was steckt dahinter?

Der Slogan «Nachhaltigkeit» hat sich in den letzten Jahren stark verbreitet, eine konsequente Umsetzung wie bei Interface steht jedoch vielerorts aus. Nicht nur für die fortschreitende Umsetzung, sondern auch für die Kommunikation ihrer Ansätze zeigt sich das Unternehmen vorbildlich: Der Hersteller demonstriert, dass gelebte Nachhaltigkeit ein profitables Geschäftsmodell ist.  Um den negativen Umwelteinflüssen weiter entgegenzuwirken, verlagert Interface in Zukunft seine Aufmerksamkeit noch stärker auf die vor- und nachgelagerte Wirtschaftskette. Die Firma hat sich zum Ziel gesetzt, auch ausserhalb der eigenen Fabriktore zu inspirieren und andere Unternehmen herauszufordern, selbst tätig zu werden (siehe auch TED Talk von Interface-Gründer Ray Anderson). Letztendlich sind Transparenz und Kommunikation auch für die Konsumentinnen und Konsumenten Schlüssel zum bewussten Umgang mit endlichen Ressourcen.

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«Microsfera» ist bisher das nachhaltigste Produkt bei Interface: die Umweltbelastung beträgt während des gesamten Produktionsprozesses weniger als 3 kg CO2e/m2. Dies gründet vor allem darin, dass erstmals nur ein minimaler Anteil von Garn verwendet wird und hierfür das alternative Garn Polypropylen zum Einsatz kommt, das deutlich umweltfreundlicher als herkömmlich eingesetztes Polyamid ist.

Interessante Links zur Entwicklung der Nachhaltigkeit bei Interface:

Artikel: Radical Industries – 20 years later, Interface looks back on Ray Anderson’s legacy

Inspirierender TED Talk: Gründer Ray Anderson on the business logic of sustainability

Weitere Daten auf www.interface.com

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