Sehr geehrter Herr Küng

Brigitta Schild

 

 

Brigitta Schild, dipl. Arch. ETH und freischaffende Journalistin, schreibt für Modulør eine Kolumne in Briefform. Im aktuellen Blog richtet sie sich an Erhart Küng (1420–1507), der als Bildhauer und Baumeister am Münster in Bern gearbeitet hat.

 

Sicher sind Sie zu Pferd nach Bern gekommen. Den Aarehang hinunter und dann über die alte Untertorbrücke durch die Gerechtigkeitsgasse wieder hinauf. Da muss ein Treiben geherrscht haben bei dem Bauboom nach dem fatalen Grossbrand von 1405. Der Wiederaufbau war voll im Gang und dieses Mal in Stein.

Auch wenn an allen Ecken und Enden gebaut wurde, konnte man den Überblick bewahren, und die Gassen strukturierten die engen Parzellierungen. Wo was hingehörte, war dabei klar. Das war wichtig, denn Bern stieg damals buchstäblich wie Phönix aus der Asche und wurde im 15./16. Jahrhundert zum grössten Stadtstaat nördlich der Alpen.

Diese Hochkonjunktur im Baugewerbe hat Sie als Bildhauer ja wohl auch bewogen, nach Bern zu ziehen. Zumal dort nach dem Rathaus nun auch an einer riesigen Kirche gebaut wurde – und da gab es vor der zwinglianischen Nüchternheit noch genug Arbeit für Bildhauer.

Ihnen wurde schnell die Gesamtverantwortung über den Kirchenbau übertragen. Offenbar waren Sie damals so etwas wie ein Star in der Bauszene – mal abgesehen von ihrer berühmten Darstellung des Jüngsten Gerichts und des Turmgevierts. Mit den Stützmauern für den ganzen Müll und Schutt haben Sie uns heute einen der beliebtesten Plätze Berns geschaffen: Die Münsterplattform. Die ist eine statische Meisterleistung. Chapeau!
Die legendäre Inschrift «Machs na» soll ja ebenfalls von Ihnen stammen. Wie Sie wissen, interpretieren wir die heute ganz unterschiedlich. Jedenfalls hat sie den Bildersturm überstanden, und das will was heissen. Ich erzähle es ungern, aber es ist Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet dort, wo Sie die Basis für einen wunderschönen Platz der Zukunft errichteten, die protestantischen Barbaren zerstörte Statuen wegwarfen – viele stammten offenbar von Ihnen.

Herr Küng, es mag wenig trösten – aber man hat Ihre Statuen ausgegraben, und sie sind wieder öffentlich zu besichtigen. Hier in Bern.
Sie sind immer noch sehr bekannt heute. Vor allem Ihr Hauptportal bestaunen die Touristen, die Reisenden von heute. Die kommen nicht mehr durch die Gerechtigkeitsgasse, sondern queren direkt von den Hängen aus in grossen Höhen die Aare. Ja, es sind da einige Brücken gebaut worden. Und von diesen Brücken aus hat man einen wunderbaren Blick auf die alte Stadt.

Die würden Sie der Form nach immer noch erkennen. Der Inhalt natürlich ist ein anderer. Im Gesamtbild ist das Münster ein richtiger Hhot Spot. Nun ist der Turm, zur vollen Höhe ergänzt und filigran verziert, endlich auch einmal ohne Gerüst zu bestaunen. Er ist, so wie Sie ihn vielleicht hätten bauen wollen. Nein, ärgern Sie sich nicht. Schliesslich dauerte die Bauzeit rund 150 Jahre. Da wird halt ergänzt und danach renoviert. Momentan ist der Turm allerdings grad mal für einige Jahre ohne Gerüst.

Die Touristen lieben diesen Anblick. Und wenn sie Glück mit dem Wetter haben, tauchen im Hintergrund noch stattliche Berge auf. Herr Küng, so konnten Sie Bern nicht sehen – und es ist auch etwas viel aufs Mal. Ein bisschen Postkartenkitsch, da die Zeit bei dieser Ansicht stehen geblieben zu sein scheint.

Aber, werden Sie fragen, wo ist das Bern von heute? Herr Küng, ich weiss es nicht. Ich sehe nur, dass hier und dort gebaut wird. Schnell, wie wild, aber nach Plan. Nicht selten braucht es danach noch weitere Pläne. Einen Überblick, wie Sie ihn sich noch verschaffen konnten, gibt es nicht – einzig über die Altstadt.

Für den Überblick über das heutige Bern wäre ein Stadtmodell hilfreich. Doch eine Ville Miniature existiert nicht. Für andere Städte ist das eine Selbstverständlichkeit. Basel ergänzt sein Stadtmodell ständig mit den aktuellen Baueingriffen, und das Zürcher Modell misst rund 100 m2, widerspiegelt rund 50 000 Gebäude und die aktuellen Eingriffe. Planungen und Projekte lassen sich so immer noch am besten auf städtebauliche Tauglichkeit überprüfen. Auch für die Öffentlichkeit.

In Bern ist das offenbar nicht so. Vielleicht steigen da die Planer die 344 Stufen auf den Münsterturm. Von dort ist die Aussicht bekanntlich grandios – jedenfalls für die Touristen.

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