Liebe Spaziergängerinnen, Liebe Spaziergänger

Brigitta Schild

 

 

Brigitta Schild, dipl. Arch. ETH und freischaffende Journalistin, schreibt für Modulør eine Kolumne in Briefform. Im aktuellen Blog richtet sie sich an alle Spaziergängerinnen und Spaziergänger, die in Zürich in aller Ruhe durch die Stadt flanieren und ihre Augen und Sinne offen halten.

 

Ich mag Eure unaufgeregte Art, die Langsamkeit zu zelebrieren. Ich mag, wie Ihr Euch beim Gehen umschaut und Euren Gedanken nachhängt. Darum habe ich das auch probiert und mal da hingeschaut wo ich sonst gerne wegsehe: Auf die Stadtmöblierung.

Ich beginne meinen Spaziergang am Bahnhof. Da sind kaum mehr Möbel unterzubringen. Grosszügigkeit ist Vergangenheit.
Die Abfalleimer sind oben scharf abgeschrägt und aufgeschlitzt für verpönte Zigaretten, die Öffnungen minimiert. Bänke verankert, Billetautomaten vandalensicher und Tafeln gut beleuchtet oder gänzlich im Dunkeln. Das Ganze Szenario ist gespickt mit Pfosten und Kandelabern in allen Variationen. Das heisst: Bahnhofsmöblierungen sind funktional, penetrant erzieherisch und erschreckend dicht.

Darum weg von da. Ich flaniere weiter. Wo was zu finden ist, soll nicht nur dem Smartphone überlassen bleiben. Tafeln auf einem verkehrsbefreiten Platz weisen den Weg – sehr wahrscheinlich punktgenau positioniert. Das merkt man nicht, aber ahnt es. Die schmalen hohen Scheiben sind signaletisch durchgestylt – so gut, dass erst lesen kann, wer knapp davor steht. Was ein wohltuendes Understatement ist, inmitten einer stets schreienden Verschilderung. Davon hat der Raum allerdings nichts. Er wird so oder so zerschnitten durch die gängige Stadtvermarktung. Egal wo.

Ohne die Tafeln zu beachten gehe ich weiter. Enge Gassen, ein Platz, ein Brunnen, ein paar steinerne Poller am Rand, hie und da ein pädagogischer Abfalleimer – aber sonst? Nichts. Ungestörter Raum. Eine Wohltat.

Auf den Geschmack der Stille gekommen, schlendere ich durch einen Park. Ohne Blätter schaffen die Bäume den fliessenden Raum zwischen oben und unten. Graue Wolken zu anthrazit Kies. Grell sind hier nur die Robidog-Kästen. Deren Farbe ist zeitlos scheusslich. Die Dinger irritieren, zumal sie sich zu vermehren scheinen, sobald man einen wahrgenommen hat.

Ich verlasse den Park. Langsam müde, fallen mir nun auch Sitzbänke in der Stadt auf. Gemeinsam ist allen ihre Verankerung und Standhaftigkeit. An gewissen Orten, am Bahnhof immer, sind sie weder Bank noch Stuhl zuzuordnen. Dort bestehen sie aus aneinandergereihten Hartschalen-, Teller-, oder Rillensitzen. Weder bequem zum Sitzen noch schön zum Ansehen. Aber so ist funktionales Stadtmobiliar, auf dem niemand liegen darf. Irgendwie deprimiert das.

Darum wieder weg vom Bahnhof. Mit dem Tram und dem Ziel: «Bellevue», See und teurer Freiraum.

Sicher: ich schreibe nur ganz kurz über diesen Sechseläutenplatz. Lediglich über die verrückbaren Stühle, die man herumtragen kann. Denn das ist echtes Mobiliar!

Also, was ich Euch sagen will: Spaziert über diese Fläche. Einfach so. Allein wegen dieser Stühle. Aber informiert Euch unbedingt zuerst, in welchem Zeitraum die Stühle zu sehen sind. Denn oft verschwinden Platz und Raum unter irgendwelchem mobilen, manchmal nicht klar
definierbaren Stadtmobiliar.

Beste Grüsse

 

Ps: Falls Ihr tatsächlich dort seid, dann spaziert weiter Richtung Opernhaus. Geht zu den stylisch-gestanzten Pavillons, den Klunkern auf dem Platz und steigt hinab. Ich habe noch nie einen Blick in eine Tiefgarage empfohlen. Aber da unten geht die Möblierung weiter. Und wie! Lasst Euch Zeit dabei. Da gibt es Stoff zum Nachdenken. Oben wie unten.

 

 

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