Liebe Margaretha,

Brigitta Schild

 

 

Brigitta Schild, dipl. Arch. ETH und freischaffende Journalistin, schreibt für Modulør eine Kolumne in Briefform. Im aktuellen Blog richtet sie sich an Margaretha, der sie nahelegt, was schon Goethe formulierte: «Entscheide lieber ungefähr richtig als genau falsch.»

 

Liebe Margaretha,

Wie hast du das bloss geschafft, damals vor hundert Jahren. Eine Beiz hast du geführt, haben sie mir erzählt. Du warst Wirtin und Urgrossvater hat die Post ausgetragen. Gekrampft hast du da. Irgendwo im Kreis 3. Dabei warst du nicht grad zimperlich, vor allem nicht mit meiner Grossmutter. Auch das haben sie mir erzählt. Aber die Zeiten waren auch nicht zimperlich. Mit niemandem. Die Arbeitslosigkeit war gross. Die Angst vor ihr noch grösser. Die Preise stiegen, während der Lohn sank und der Wohnungsmarkt war ausgetrocknet.  Gründe genug für revolutionäre Gedanken radikaler Sozialisten. Von denen gab es immerhin einige damals in Zürich. Daran muss ich dich wohl kaum erinnern. Vielleicht warst du sogar unter den 15’000 Menschen, die dem Trauerzug von August Bebel folgten. Er liegt übrigens immer noch auf dem Sihlfeldfriedhof, falls es dich interessiert.

Item. Die Gewerkschaften unterstützten die Arbeitslosen und die Stadt subventionierte den Wohnungsbau. Du hast sicher etwas von diesem baugenossenschaftlichen Gründungsfieber gemerkt – war schliesslich jedes Mal ein Versuch Arbeit zu schaffen und Land zu verwerten. Das wurde bestimmt auch bei dir in der Beiz diskutiert. Dabei fällt mir ein, den Oskar Schwank, den hast du doch gekannt, oder?

Du weißt sicher, wen ich meine. Dieser Oskar war Bauführer, hat sich aber immer als Architekt bezeichnet, lebte gern auf grossem Fuss und hatte diverse Frauengeschichten. Liebe Margaretha, über den haben sich wohl einige die Mäuler zerrissen im Quartier. Für die war er wohl ein Spinner, der den Mund zu voll nahm und gern reiste – wohl auch weil er sich hie und da aus dem Staub machte. Aber genau dieser Oskar hatte die Idee einer Grosskommune in Zürich. Ein Einküchenhaus nach dem Vorbild der Wiener Zentralhaushaltung für alleinstehende berufstätige Frauen oder eines amerikanischen Appartementhauses; zum Beispiel des damals bekannten Kempton Hotels der Bostoner Architekten Cummings & Sears von 1873.

Wenn du Oskar kanntest, dann erstaunt dich wohl kaum, dass der mehr wollte als eine lapidare, sozial beruhigende Genossenschaft. Oder nicht?

Er gründete  die „Wohn- und Speisehausgesellschaft“ und reichte 1915 ein überarbeitetes Baugesuch ein. Breite Laubengänge, angelegt um einen grossen Lichthof, sind Erschliessungs- und Begegnungszonen für die Bewohner. Im Erdgeschoss waren Speisesaal, Zentralküche, Verkaufsläden und Bibliothek geplant, auf dem Dach Waschküchen. Verzichten musste er auf die Markthalle im Erdgeschoss und die Wohnungen verfügten in der Überarbeitung zusätzlich über private Küchen, die aber auch in Zimmer umgewandelt werden konnten.

Das war’s dann aber. Denn die Angst der Genossenschafter vor zu viel Gemeinsamkeit besiegte Oskar’s Mut: Zentralküche, Speisesaal, Bibliothek, Flachdach und noch einiges mehr wurden geopfert. Dafür gab’s ein rentableres Restaurant – die Aemtlerhalle. Die Idee war zwar tranchiert, doch gebaut wurde – allerdings bald ohne Oskar. Der zog sich zurück und verliess Zürich endgültig. Aber für das „Beinahe-Einküchenhaus“ gilt, was Goethe formulierte: „Entscheide lieber ungefähr richtig, als genau falsch.“

Liebe Margaretha, auch im Jahr 2016 sind Wohnungen knapp und überteuert. Besonders in den ehemaligen Arbeiterquartieren. Aber die Zeit hat einige sozial interessante Projekte gebracht. Das neuste und eindrücklichste steht in der Nähe vom alten Amerikanerhaus, an der Kalkbreite. Und weißt du was? Das scheint prächtig zu funktionieren. Ob ich darin wohnen möchte? Du, ich weiss nicht – ich müsste es ausprobieren. Finde ich auch nicht so wichtig, ebenso mag ich nicht über die architektonische Gestalt diskutieren.
Das Interessante ist schliesslich wie Genossenschaft und Bau sich in der Stadt präsentieren. Und das ist grossartig konsequent. Die Gegend ist erwacht und belebt, genau wie das Quartier rund um die alte Aemtlerhalle und heutige Pizzeria.

Liebe Margaretha, du siehst: irgendwann und irgendwo können aus ungefähr richtigen, ganz richtige Entscheide werden.

Herzlich grüsst

Brigitta

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