Lieber Elisha

Brigitta Schild

Brigitta Schild, dipl. Arch. ETH und freischaffende Journalistin, schreibt einen Brief an Elisha Graves Otis (1811–1861). Der US-amerikanische Mechanikermeister erfand 1853 eine Sicherheitsvorrichtung für Aufzüge, um den Absturz der Kabine zu verhindern .

 

Lieber Elisha

lange nichts mehr gehört von dir. Habe erst kürzlich «Otis» in einer dieser Stahlkabinen gelesen – und mich natürlich an dich erinnert. Schon seltsam, da geht man heute, ohne zu zögern, rein und lässt sich in die Höhe befördern. Und das in Kabinen, die so hermetisch sind, dass es einem grauen sollte. Aber das tut es nur wenigen. Sich zu all den Leuten da reinzuquetschen, ist unser Alltag. Auch wenn wir hier in der Schweiz das Liftgedränge nur über kurze Distanzen aushalten müssen, kommt man sich nahe. So nahe, dass die meisten wie magnetisiert auf die Stockwerksanzeige starren, um nicht in ein Aug-in-Aug mit den Miteingepferchten zu geraten. Und dann dieses latent vorhandene Unbehagen, das nächste Stockwerk vielleicht heute ausnahmsweise eben doch nicht zu erreichen. 

Du kennst die Angst der Leute vor dem Absturz. Die musstest du ihnen zuerst nehmen. Und das möglichst eindrücklich. Nervenkitzel pur war dazu deine Demonstration im New Yorker Crystal Palace, der zweiten Weltausstellung 1853. Da standest du auf einer Plattform, hoch über den Leuten schwebend, und wiest deinen Assistenten an, das Trägerseil dieser Bühne mit einer Axt zu kappen! Die Reaktion war voraussehbar: Die Menge schrie, einige Frauen hielten sich wohl am Riechfläschchen fest, und einigen verschlug es vor Schreck die Sprache. 

Natürlich fiel die Plattform nur wenige Zentimeter. Der Sicherheitsmechanismus funktionierte, und die Konstruktion verzahnte sich in den Führungsschienen. Dieses Spektakel wiederholtest du stündlich und riefst nach jedem vermeintlichen Absturz: «All safe, gentlemen!» Na, Elisha, die Ladies blieben damals in ihrer Ohnmacht wohl noch unansprechbar, oder?

Jedenfalls war das eine PR-Aktion, wie wir sie heute nicht besser hinkriegen würden. Aber, lieber Elisha, weisst du eigentlich, was du da mit deiner grandiosen Sicherheitsbremse und deiner Otis Elevator Company angerichtet hast? 

Bis zu deiner grandiosen Erfindung wohnte, wer Geld hatte, in den unteren Geschossen. Treppenlaufen war etwas für die Armen. Dass die im Winter unter den Dächern in Verschlägen froren und im Sommer schmorten, störte unten niemanden. Das war schon so in den römischen fünf- bis sechsstöckigen Mehrfamilienhäusern, den Insulae. Diese soziale Ordnung zeigt sich auch im
17. Jahrhundert im repräsentativen Piano nobile in Italien und in Frankreich in der Beletage, mit wunderschönen Fassaden und herrschaftlichen Treppenaufgängen. 

Aber dann begannen sich die Zeiten grundlegend zu ändern. Die Industrialisierung ermöglichte unter vielem anderem den Stahlskelettbau. Hochhäuser wurden möglich. Für die lieferte deine Elevator Company die risikofreie Beförderung nach oben und nach unten. 

Und die stellte buchstäblich die alte Ordnung auf den Kopf! Von da an galt: Wer Geld hat, wohnt oben, im Penthouse, und geniesst die Aussicht. Weisst du, dass man den Lift auch mal als «Bonzenheber» bezeichnete? Passt prima – auch wenn der Spottname in den Büros kursierte, wo der Lift lediglich den Chefs vorbehalten war. Aber lassen wir das.

Lieber Elisha, du hast den Leuten mit deiner Jahrmarktshow zwar die Angst vor dem Absturz genommen – aber geblieben ist bei einigen das Unbehagen, irgendwo zwischen den Stockwerken, auf dem Weg nach oben oder nach unten in dieser Kapsel festzusitzen und nicht mehr aussteigen zu können.

Daran muss ich denken, weil ich mir kürzlich den Film «L’ascenseur pour l’échafaud» von Louis Malle angesehen habe. Mit der wunderbaren Jeanne Moreau, dem Soundtrack von Miles Davis und Maurice Ronet als Julien Tavernier im Lift. Falls du den nicht schon kennst: Das ist ein Film für dich, Elisha.

Herzlich

Brigitta

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