Architektur im Südtirol: Arnold Gapp

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Die südtiloler Berglandschaft ist ständiger Wegbegleiter für den lokalen Architekten.

Stein ist ein traditionsreiches Baumaterial im Südtirol. Die vielen Burgen, die überall in der Landschaft verstreut sind und sich meist auf hügelartigen Geländeerhöhungen präsentieren, sind für die Region ein wertvolles, aber nicht immer einfaches Erbe. Die Steinvorkommen sind gigantisch und werden weiterhin in über 20 Steinbrüchen abgebaut. Für den Vinschger Architekten Arnold Gapp spielt Stein immer wieder eine entscheidende Rolle im Entwurfsprozess. Mit seinen Gebäuden gelingt ihm eine ungezwungene Verbindung zwischen moderner Technik, Tradition und Landschaft.

Er bedient sich klarer Linien und Formen, die Präsenz in der Landschaft zeigen, ohne diese zu überformen. Seine Bauten überzeugen durch Natürlichkeit in Materialität und Formgebung, wobei seine enge Verbundenheit mit der Region und den dort lebenden Menschen stark erkennbar ist. Bekannt wurde er mit dem Bau eines der sechs Messner Moutain Museen, die allesamt in der Region Südtirol liegen (ein Museum stammt auch von Zaha Hadid). In dieses Museum in Ortles tritt der Besucher wörtlich in den Stein hinein: Der Ausstellungsraum, der in das Gebirge hineingebaut und von oben belichtet ist, erstreckt sich grösstenteils unterirdisch.

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In der Residence Kortscherhof agierte die Bruchsteinmauer als primäres Entwurfelement.

Spannend bei den Entwürfen von Arnold Gapp ist, dass die vorgefundene Umgebung meist am Anfang zu stehen scheint. So zum Beispiel in der Residence Kortscherhof (2010): ein bestehendes Bruchsteinmauerwerk wurde behutsam weitergeführt, um das neu zum Bauland gewordene Grundstück mit dem Nachbargrundstück zu verbinden. Die Mauer verläuft dazu in Richtung des Terrainabfalls vorerst geradlinig und nimmt dann eine überraschende 90-Grad-Wendung weg von der Strasse. Nach einigen Metern wird sie wieder zurückgedreht und verläuft somit erneut parallel zur Strasse, nun aber in einem Abstand von etwa zehn Metern. Die so entstandene Mauerecke wird zum Eingangsportal eines quaderförmigen Baukörpers, der behutsam an zwei Seiten von der Mauer umschlungen wird. So bietet die Mauer den architektonischen Rahmen und einen schützenden Mantel für das neu entstandene Wohnhaus.

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Das Gebäude bedient sich der massiven Mauer zur Formgebung.

Der leichte Glaskörper lässt sich in seiner Ausrichtung und seiner Gestaltung von der massiven Mauer führen. Durch seine filigrane Erscheinung schafft er einen angenehmen Kontrast zur Massivität und Opazität des Mauersteins. Mit Ein- und Ausblicken wird geschickt umgegangen, was den Gästen von aller Welt in den zwei mietbaren Apartments zu Gute kommt. Die grosszügige Wohnung des Bauherren im Obergeschoss geniesst zudem eine atemberaubende Aussicht auf die berühmten Südtiroler Äpfelplantagen, wenn doch das tiefe Vordach an manchen Tagen etwas wenig Licht einlässt.

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Der Blick aus den grossräumigen Terrassen öffnet sich in die Weite der südtiroler Landschaft.

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Die Totenkapelle mit Friedhofserweiterung fügt sich gekonnt in die Umgebung ein.

Auf einem massiven Gebirgsstein sitzt die von Arnold Gapp 2012 fertiggestellte Totenkapelle in St. Katharinaberg im Schnalsertal. Hier herrscht eine ruhige, aber starke Atmosphäre. Wo ehemals die Schnalsburg über das Tal thronte, findet sich nun eine Kirche mit Friedhof. Die Totenkapelle liegt gleich neben dem Segnungsplatz und wird vom Architekten gerne als «einfaches Gebäude mit Satteldach» bezeichnet. Mit der klaren, eindeutigen Aussenform bezieht sich Gapp auf den Prototyp der Kapelle und sucht so bewusst den Dialog mit traditionellen Bauformen.

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Anblick der Totenkapelle bei geschlossenen Türen.

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Die Türen der Totenkapelle lassen sich für die Gottesdienste öffnen.

Da Kirche und Kapelle normalerweise im selben Raum liegen, lässt sich die letztere öffnen, so dass die beiden Sakralräume zusammenfliessen. Die reduzierte Formensprache von Gapp lässt kein überflüssiges Ornament zu. Durch das viele Tageslicht und die Materialien entsteht eine freundliche Atmosphäre, die der Schwere des Verlusts entgegenwirkt. Mit einer raumhohen Verglasung öffnet sich die Kapelle talseitig direkt ins Freie – eine beinahe unbewohnte Berglandschaft wird sichtbar, deren Anblick etwas Sakrales in sich trägt. So muss auch Arnold Gapp die Landschaft wahrgenommen haben, als er sich beim Bau der Totenkapelle für die Natur als leitender Entwurfsgedanke entschied.

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Das Innere der Kapelle ist minimalistisch gehalten: der Ausblick in die stille Weite der Landschaft nimmt die Raumatmosphäre ein und lässt Angehörige Trost finden.

Architekt: Arnold Gapp

Links zu Architekturreisen im Südtirol:

Architekturstiftung Südtirol

IDM Südtirol

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