Lieber Joseph

Brigitta Schild

 

Brigitta Schild, dipl. Arch. ETH und freischaffende Journalistin, schreibt einen Brief an Sir Joseph Paxton (1803–1865). Der innovative englische Botaniker, Autor, Architekt, Gesellschafter und Politiker sowie Mitglied der Royal Horticultural Society war u. a. der Erbauer des Kristallpalastes, des Ausstellungsgebäudes der 1. Weltausstellung 1851 in London.

 

Lieber Joseph,

vielen Dank für deine Tipps. Habe grad Wanderferien auf der Insel gebucht. Nein, wir werden keine Zeit für London haben, fahren gleich weiter in den Süden.
Beim Vorbereiten unserer Reise ist mir der dicke Gallier mit seinen Hinkelsteinen in den Sinn gekommen. Du warst ganz entzückt, wie schlecht die Römer da immer abschnitten … Nur – auch die Briten werfen ihm einige Rätsel auf … «Die spinnen, die Briten» – lieber Joseph – eure Besonderheiten: das Beharren auf Linksverkehr und antiquierte Masseinheiten, eure Begeisterung für Tee, die schizophrene Haltung zu Europa, und dann immer wieder dieses royale Tamtam mit dem dazugehörigen Standesdünkel der ganzen Entourage … verstehst du den liebenswürdigen Gallier?
Ich schicke dir den Band …

Anyway. In puncto Standesdünkel hast du deine persönlichen Erfahrungen sowieso gemacht. Als Gärtner mit bescheidener Schulbildung in die bessere englische Gesellschaft einzuheiraten und dann auf dem gebohnerten Parkett der adligen Eitelkeiten zu bestehen, war sicher nicht einfach. Aber du hast es geschafft; bist Step by Step sozial aufgestiegen bis hin zum Ritterschlag durch Viktoria, die Grossmutter Europas und Herrscherin über das British Empire.

Das war damals noch riesig. Die Macht Britanniens enorm. Bergbau, Textil- und Maschinenindustrie florierten, die Eisenbahn wurde weiter ausgebaut, die Lebensqualität verbesserte sich etwas, und die Bevölkerung wuchs rasant. Das Geld blieb allerdings konzentriert in alten Kreisen, sass dort aber auch locker für so manche «Spinnereien» betuchter Herrschaften.
Ferne Länder, unbekannte Botanik im Empire. Wer etwas auf sich hielt und es sich leisten konnte, importierte Pflanzen und versuchte deren klimatische Bedingungen zu imitieren. Das war nichts Neues. Exotik war immer schon verstörend interessant. So gehörten Orangerien seit dem Barock zu Herrschaftshäusern, und mit dem Ananasanbau hatten die Holländer schon im 17. Jahrhundert
experimentiert.

Du experimentiertest auch. Begannst, ausgewachsene Bäume zu versetzen, veröffentlichtest deine Forschungen und entwarfst Glashäuser mit Gusseisenträgern und funktionalen Entwässerungssystemen. Als dann die erste Riesenseerose aus dem Amazonas nach England geschleppt wurde und ihr das Blühen unter dem spärlichen Licht eines konventionellen Gewächshauses verging, schlug deine Stunde.

Für sie schufst du das weltgrösste Glashaus mit einem technisch ausgeklügelten Innenleben – und es funktionierte. Die Seerose fühlte sich in den Amazonas zurückversetzt und erblühte. Mit ihrem Gedeihen in deinem Bau im Royal Botanic Garden gelang dir auch international der Durchbruch.

Das grösste Glashaus, die besten Produkte. Das gefiel schon immer. Dem Empire mangelte es damals nicht an Selbstbewusstsein. Banker, Grossbürger – Industrielle und Prinz Albert beschlossen, den Rest der Welt von der einzigartigen Produktivität Englands zu überzeugen. Das mit der ersten Weltausstellung im Hyde Park, 1851.

Ein bisschen mulmig war es euch schon, oder? Immerhin drohten die «besitzlosen Massen» aufzumarschieren und die entrückte Eleganz des Parks mit ihrer lauten Realität zu «entweihen». Haben sie dann auch gemacht, nur etwas später. Du erinnerst dich sicher an die erste Demonstration.

Aber zurück zur Ausstellung. Du hast da ein wahnsinniges Glasgebäude errichtet. Da hast du deine Spinnerei, deine Passion verwirklicht und die Welt beeindruckt. Vorfabriziert das Ganze, in nur sechs Monaten errichtet und in einzigartiger Zusammenarbeit mit namhaften Ingenieuren, vorwiegend aus dem Eisenbahnbau. Den Aufwand habt ihr nicht mal für ein halbes Jahr betrieben – danach wurde der Bau wieder zerlegt. Dein «Crystal Palace» war ein Wegbereiter, eine gebaute Sensation, die Architektur prägte und dich zum Ritter machte.

«(…) dies ist ein Bau, der ganz gegensätzlich zu einem Wohnhaus ist, der völliger Isolierung bedarf und eine Stelle braucht, wo sein Wesen wirken kann. (…) da die Menge des verwendeten Glases ihm eine durchgreifende Besonderheit verleiht. (…)», schriebst du.

Eben: «Spinnt! – dann entsteht Besonderes!»

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