Lieber Johann David

Brigitta Schild

 

Brigitta Schild, dipl. Arch. ETH und freischaffende Journalistin, schreibt einen Brief an Johann David Wyss. Er war Pfarrer am Münster in Bern. 1803 zog er sich auf sein Landgut zurück. Er schrieb von 1794 bis 1798 «Der Schweizerische Robinson» für seine Kinder. Darin sind der Pfarrer, seine Frau und die vier Kinder auf einer tropischen Insel gestrandet. Sie bauen sich dort ein Baumhaus, lernen jagen und fischen und führen ein einfaches, aber zufriedenes Leben.

Lieber Johann David,

irgendwie verständlich, dass du dich zurückgezogen hast. Abstand vom Gerangel in der alten Eidgenossenschaft, diesem losen Staatenbund, der so rückständig im Vergleich zu den alten, zentral organisierten Monarchien war. Zünfter, Patrizier und alter Landadel versuchten sich als alleinige Herrscher. Aufstände waren die Folge. Du, Pfarrer am Münster in Bern, hochgebildet, reich an aufklärerischen Gedanken und stets an Neuem interessiert, konntest wohl wenig mit den alten Söldnerhaudegen und deren Auftraggebern anfangen. Und dann noch Napoleon! Hat dir sein absolutistisches Gehabe den Rest gegeben? Die Helvetische Republik? Jedenfalls wurdest du 1803 zum Aussteiger. Du verschriebst dich dem Bienenzüchten und dem Obstbau auf deinem Landgut in Köniz bei Bern.

Gedanklich bist du allerdings schon viel früher ausgestiegen. Zum Glück für deine vier Kinder. Mit Defoes Robinson im Hinterkopf begannst du ihnen Geschichten vom Prediger zu erzählen, der mit seiner Familie Schiffbruch erlitten hatte. Natürlich konnten sich alle inklusive der beiden Doggen retten. Gut so – schliesslich sollten deine Kinder in Geborgenheit und im Kreis der Familie aufwachsen.

Eigentlich wolltest du deine pädagogisch-religiös aufgeladene Geschichte nie veröffentlichen. Doch einer deiner Söhne sah das anders. Und somit wurde «Der Schweizerische Robinson oder der schiffbrüchige Schweizer-Prediger und seine Familie» berühmt.
Tja, deine «Einer-für-alle-und-alle-für-einen-Geschichte» wurde um 1812 ein internationaler Bestseller. So bekannt und interessant, dass Literaturkritiker heute noch darüber debattieren und die Geschichte überarbeitet und nacherzählt neu erschienen ist.

Lieber Johann David, ganz schön verwegen, deine Familie aus der bergigen Heimat aufs weite Meer hinauszuschicken. Nichtschwimmer mitten durch den Indischen Ozean! Nichts da mit Heidi, Bergen und Alpenromantik! Exotik musste her! Deine Kinder waren sicher begeistert! Und dann das Baumhaus! Ein ewiger Traum!

Während Defoe seinen Robinson noch Schutz in irgendeiner Laube oder Höhle suchen lässt, bauen dein patenter Prediger und seine Lieben gleich eine Baumhütte. Weit oben in der Baumkrone, entrückt von der Realität.

Der wahre Robinson stand Vitruvs Urhütte noch nahe, du nicht. Klar, einem einzelnen Individuum hätte ein rudimentärer Bau, bestehend aus vier Baumstämmen und einer Satteldachkonstruktion, genügt . . . Nicht aber einer sechsköpfigen Familie. Die brauchte ein solides Haus mit allem, was dazu gehörte. Bequem musste es schon sein, da im exotischen Dschungel. Oder ging es dir um die Botschaft, dass zusammen mehr erreicht werden konnte als eine Lotterbude? Hm, Johann David, sag schon, zusammenstehen und mehr erreichen als eine lotterige Eidgenossenschaft?

Tant pis! Robinson war mit seinem Freitag im Survival Camp . . . ihr dagegen auf dem 5-Stern-Camping, kurz: Clamping genannt.
Und das ist heute nicht anders. Du würdest staunen, dass speziell Hotels in Bäumen Hochkonjunktur haben. Schau dich um! Da gibt es ganze Serien zum Baumhausbau. Vom massiv-rohen Blockhaus im Baum bis zur Villa mit allen Annehmlichkeiten . . . – speziell in Amerika, wo deine Geschichten besonders geliebt und sogar verfilmt wurden, sind den gebauten (Alb-)Träumen in den Bäumen keine Grenzen gesetzt . . .

Aber lassen wir das! – Gib mal «Mirrorcube in Harads» ein . . .  Dieser Traum hängt im Norden Schwedens, entworfen von Bolle Tham und Martin Videgard Arkitekter. Da, mitten in der Wildnis, findest du Architektur in der Höhe. Die Natur entgleitet dem Foto, entmaterialisiert wirkt der Bau – irgendwie fantastisch entrückt.

Und so sollte es doch sein, oder?

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