Lieber Adrian

Brigitta Schild

 

 

Brigitta Schild, dipl. Arch. ETH und freischaffende Journalistin, schreibt für Modulør eine Kolumne in Briefform. Im aktuellen Blog richtet sie sich an Adrian von Bubenberg, der als Feldherr von Murten heute noch in Bern auf sich aufmerksam macht.

Lieber Adrian

Du verharrst da oben. Ein einziges Mal hast du dich bis jetzt bewegt – nicht freiwillig. Das war 1930 als sie dich von deinem Bubenbergplatz an den Hirschengraben bugsierten. Darüber erhitzten sich damals die Gemüter. Seither schaust du, der siegreiche Feldherr von Murten, nicht mehr vor dem Bahnhof nach Westen, sondern an einer Verkehrskreuzung nach Norden – ein Fauxpas für Geschichtsbewusste.

Dir war und ist das vielleicht egal. Du überragst eh alle da oben auf deinem Sockel und schaust stur geradeaus. So wie damals, als du, hoch zu Ross, mit deinen tapferen Mannen gegen die Burgunder loszogst und in Murten der Belagerung trotztest.

Aber das war einmal. Deine Zeit ist vorbei. Der Effekt vom Denkmal „Hier-steht-der-Adrian-von–Bubenberg–der-1476 Murten – …“ ist verpufft. Da kannst du noch so stur und sicher allem widerstehen. Für die Allgemeinheit bist du kein Thema mehr.

Aber für die Fachleute. Es existiert eine Studie, wohin man dich dieses Mal stellen soll, wenn der Bahnhof Bern zeitgemäss unterirdisch wird. Denn da, wo du heute stehst, sollen 2025 die Pendler wieder ans Tageslicht gelangen. Die wollen raus,  wo du stehst!
Engagierte heutige Mannen nehmen sich deiner bereits wieder an. Sie sitzen und studieren, um dich zu revitalisieren an einem anderen, dem richtigen Ort mit dem richtigen Blickwinkel. Gleichzeitig wird die Gestaltung und Planung des Unterbaus vorangetrieben.

Wie Unterirdisches so sein kann, siehst du in Zürich.

Du musst lediglich einen Blick nach Osten wagen! Immerhin sitzt da dein Schlachtenkumpan Hans Waldmann auf dem hohen Ross. Den alten Haudegen könntest du eigentlich beim Stadthaus an der Brücke treffen. Das wär doch was, oder?

Aber falls du hinfährst, lass Harnisch und Gepäck zuhause. Beweglichkeit ist gefragt, da der Zug unterirdisch einfährt und du zuerst hinaufsteigen musst, wenn du in die Stadt willst. Du merkst schnell, wie tief unten du ankommst, wenn du die langen Treppen siehst. Hier wird täglich von Tausenden „Urban-sport“ praktiziert.

Du musst dich da hochkämpfen. Oben kommst du dann auf irgendeiner Zwischenebene an – wo und auf welcher, siehst du sicher nicht sofort. Ist auch egal, denn hier kannst du dir die Zeit vertreiben mit Shoppen, was angeblich Vitamin D Mangel und dem „Horror Vacui“ entgegenwirkt. Jedenfalls lässt sich zwischen reizender Unterwäsche und Strümpfen, süssen Pralinen, veganen Salaten, Gesundheits- und anderen Schuhen,  Koffern, Brot, Sandwiches und Bieren sicher etwas finden, das du grad (nicht) brauchst. Einzig ein Duty Free Shop fehlt. Das wiederum beweist, dass du in Zürich Main Station bist und nicht bereits am Zürich Airport.

Vielleicht gefällt dir dieser International-Travel-Style. Wenn ja, dann such dir einen Platz und raste. Immerhin glänzen die grauen, weissen und schwarzen Flächen herrlich im Kunstlicht und die verschiedenen Farben des Marketings wetteifern im Rahmen ihrer Möglichkeiten.

Aber vielleicht verwirrt dich diese Unterwelt und du willst direkt zu Waldmann. Dann geh einfach weiter nach oben. Treppen gibt es genügend. Und irgendwann bist du dann wirklich da, wo es wieder ein Hinten und Vorn, Luft und Tageslicht gibt. Da, wo dich der Bahnhof die Stadt wieder erahnen lässt, so wie du es dir gewohnt bist. Von da aus kannst du den Waldmann finden und wo Westen, dein Murten liegt, siehst du.

Mach diesen Ausflug, Adrian. Dann erfährst du nämlich am eigenen Leib, warum Leute unbedingt nach oben und aus einem Unterbau raus wollen. Ob nun nach Westen, Norden, Osten oder Süden. Und weil du ihnen diesen Weg aus der Unterwelt versperrst, musst du vom Hirschengraben weg. Egal wohin dein eigener Sockel dieses Mal bugsiert wird. Und egal, wohin du dann schaust.

Pardon, Adrian von Bubenberg – die Zeiten ändern sich! Blickwinkel auch!

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