Liebe Eileen

Brigitta Schild

Brigitta Schild, dipl. Arch. ETH und freischaffende Journalistin, schreibt für Modulør eine Kolumne in Briefform. In ihrer aktuellen Kolumne richtet Sie sich an die irische Designerin und Architektin Eileen Gray.

Liebe Eileen,

war grad am Aufräumen und fand ein paar alte Fotos von der Côte d’Azur – Cannes, Nizza, Menton und Saint-Tropez. Unglaublich diese Landschaft! Da musste ich an dich denken! Wie hast du diese Gegend geliebt – damals, als erst wenige dorthin reisten und LC dein E.1027 (auch «Maison en Bord de Mer») noch nicht umzingelt hatte.

Ich habe es leider immer noch nicht geschafft nach Roquebrune-Cap-Martin – aber nächstes Jahr werde ich vielleicht hinfahren und mir dein Haus ansehen.

Vorläufig erfreue ich mich an deinem für E.1027 entworfenen Tisch. Ich hege und pflege ihn und bin inzwischen schon zigmal mit ihm umgezogen. Eigentlich hätte ich liebend gern auch deinen Michelin-Pneu-Sessel «Bibendum» oder eine Leuchte, den Schrank als Raumteiler oder … – ach, weisst du, da gibt es viel von dir, was mir gefällt. Deine Möbel sind praktisch, inspiriert vom «Camping» und haben Witz.

Eileen, ich weiss, dass du nichts mehr mit dem Haus zu tun haben willst nach dem Vorfall mit LC. Das ist auch verständlich – seine Wandmalereien sind wirklich eine Faust aufs Auge. Du hast
E.1027 seither nie mehr betreten. Für dich war schon damals alles vorbei.

Aber nicht für die Geschichte. 1926 begonnen und 1929 fertiggestellt, bleibt dein Haus eine architektonische Ikone. E.1027 bringt die Sinnlichkeit der Moderne zum Ausdruck. Du hast das Haus bis ins Detail geschaffen für das Leben und seine Veränderungen. Dagegen wirkt LCs Villa Savoye, im gleichen Jahr beendet, erstarrt; wie eine gebaute Idee, ein Manifest – grandios schön, aber einsam und kühl.

Es ist deine grundsätzlich bodenständige Haltung gegenüber der Architektur, die deine Bauten lebendig wirken lässt. Die elegante, natürliche Verschmelzung von Möblierung und Raum ergibt sich daraus wie von selbst. So ist E.1027 mit den originellen, multifunktionalen Möbeln, den Teppichen und den geistreichen Wortspielereien auf Wänden und Objekten ein räumlicher Erlebnisparcours. Ins Gelände gebaut hast du das Spiel mit den Ebenen, das Ein- und Ausblicke bereits im Garten eröffnet.

Kein Wunder, ist LC erblasst. Aber dass er deshalb gleich zum «Vandalen» werden musste? Die Folgen einer ernsthaften Kritik musste er damals nicht fürchten. Heute allerdings bröckelt der Lack an seiner Person etwas. So findest du im Internet Bilder vom nackten LC, der wie ein Berserker die Wände in deinem Haus verschandelt und sich danach zufrieden ausruht. Spar dir den Anblick, ich bitte dich. Die Arroganz und die Lächerlichkeit der ganzen Aktion sind offensichtlich – irgendwie kläglich, sein Anblick ist peinlich – aber genau darum Stoff, aus dem Dramen geschrieben werden.

Und das ist letztes Jahr auch passiert. «The Price of Desire», heisst  der Film.

Bitte, Eileen! Es macht jetzt wirklich keinen Sinn mehr, dass du dich ärgerst! Natürlich hat Mary McGuckian – wie du Irin übrigens – deine Einwilligung nicht eingeholt! Wo hätte sie dich auch finden können?

Aber sie hat gründlich recherchiert. Entstanden ist eine Story über dich, Badovici, den Architekturkritiker und Verleger, und LC – es geht um eure Dreierbeziehung und um E.1027.

Klar war alles etwas anders zwischen euch. Wie genau, ist eure Sache. Das filmische Drama beschränkt sich auf 1 Stunde 48 Minuten. Der real verursachte Schaden ist bis heute sichtbar.

Nach der totalen Vernachlässigung wurde E.1027 vor einigen Jahren etappenweise renoviert.  Eileen, du ahnst es: Ja, sie haben die penetranten Wandmalereien restauriert. Und zwar, weil sie das Schlüsselereignis seien, um LCs Besitzansprüche zeigen zu können … Als hätten Fotos das Ganze nicht genügend belegt!

Leider wiederholen sich Geschichten. Traurig, dass den Verantwortlichen der Mut fehlte, sich für L’art pour l’art zu entscheiden.

Du hast diesen Mut immer gehabt – und einen hohen Preis bezahlt.

Danke für deine Arbeiten!

Herzliche Grüsse

Brigitta Schild

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