Liebe Architektur-Begeisterte

Brigitta Schild

Brigitta Schild, dipl. Arch. ETH und freischaffende Journalistin, schreibt für Modulør eine Kolumne in Briefform. Im aktuellen Blog grüsst sie uns aus den Ferien mit der warmen Empfehlung, sich auch mal am einfachen Haus zu erfreuen.

 

 

Liebe Architektur-Begeisterte

Wie geht es euch? Verbringt ihr eure Ferien vielleicht auch im Süden?

Ich habe endlich Zeit, euch mal zu schreiben. Ich bin in den Ferien – oft am Strand, des Öftern im Hof. Herrlich unter der grossen Pinie im Schatten! Eingelullt in diesen Duft des Südens! Einzig die Mücken plagen einen …

Und ich sag euch: Ich vermisse weder Design noch architektonische Meisterleistungen und schon gar nicht die Diskussionen darüber! Ich bin sozusagen im Architektur-Om-Modus – und das ohne esoterischen Klimbim und strapaziöse Verrenkungen auf dünnen Matten. Dafür liege ich auf einem bequemen Liegestuhl, esse gesund, gut und ungesund zu viel – vor allem abends.

Kein Less-is-more! Damit die Seele baumelt, muss sie in der Üppigkeit schwelgen können.

Aber ganz ohne Bauen geht es dann doch nicht. Wenigstens am Strand nicht. Scheint ja ein Urbedürfnis zu sein – jedenfalls wenn ich die vielen Sandburgen sehe, die auch heute noch akkurat konstruiert werden. Kinder – und manchmal auch Väter – wühlen im Sand, schaufeln da, schichten dort und beginnen wieder von vorn, wenn die Wellen sich einmischen und sanft, aber unbarmherzig über alles hinwegrollen.

Hartnäckig sind vor allem die kleinen Bauarbeiter. Ich schaue ihnen gerne zu. Denn sie geben nicht auf, sorgen sich ernsthaft um ihre Burgen und strahlen dabei. Nur manchmal gibt es Tränen. Ich staune, wie konzentriert sie Eimer voller Sand umstülpen, wie ihre kleinen Hände die Formen festklopfen und langsam Zylinder, Pyramiden und Kegel entstehen.

Ach, wisst ihr – bei aller Begeisterung für die Architektur –, es tut gut, dieser Sorglosigkeit beim Bauen zuzuschauen.

Apropos Sorglosigkeit beim «echten» Bauen: Ich war gestern eingeladen. Freunde haben sich da unten ihren Traum vom Süden verwirklicht – aber nicht im Hochglanz-Boutique-Design. Sondern bescheiden, im Stil, wie hier gebaut wird: zweckmässig, funktional, formal reduziert und ohne ausgeklügelte Detaillösungen. Vorfabriziert das meiste.

Ihr Haus ist nun fertig – und in seiner Einfachheit erfrischend schön. Einzig die Treppe aufs Dach und die Regenrinnen fehlen immer noch. Aber an die denkt jetzt an Ferragosto natürlich niemand. Nicht einmal meine Freunde, die Schweizer sind.

«Wir brauchen immer etwas Zeit, bis wir das Unperfekte akzeptieren und in den mediterranen Bau-Fatalismus verfallen», so der Bauherr. «Aber wenn wir dann gelassen genug sind, dann ärgern wir uns nicht mehr. Schliesslich steht das Haus. Für eine Siesta auf dem Dach ist es momentan eh zu heiss, und der Regen ist noch weit – und wenn der dann kommt, dann fällt er sowieso – mit oder ohne Dachrinnen!», fügt er lachend an.

Liebe Architektur-Begeisterte, ihr könnt weiter diskutieren, bewerten, vergleichen und kritisieren. Aber ich werde versuchen möglichst lange die gute Form, den beeindruckenden Raum, die edlen Materialien und die raffinierten Konstruktionen, die Ordnung, Harmonie und das Design zu vergessen. Ich will mich am einfachen Haus erfreuen! Ich werde den Kindern beim Sandburgenbauen zusehen und ihre Begeisterung teilen.

Denn: Less rating is more enjoyment – das funktioniert offenbar. Zumindest im Süden. In den Ferien – und ganz bestimmt mit Kindern.

Es grüsst euch vom Strand

Brigitta Schild

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