Ein Wort zur Biennale – Ausgabe 5/14

Kolumne

Ich habe schon lange nichts mehr gehört von dir. Geht es dir gut? Ich bin in Venedig. Du warst, wenn ich mich nicht irre, 1324 das letzte Mal hier, oder? Wahnsinn, wie die Zeit vergeht. Italo sagte, dass du immer noch sehr viel an diese Stadt denkest. Aber es hat sich viel verändert, glaub mir. Ich schreibe dir postlagernd, da ich nicht sicher bin, ob du überhaupt noch bei Kublai Khan bist. Ich muss lachen, wenn ich daran denke, dass du damals gegangen bist, um neue Handelspartner zu finden. Heute stehen sie schon vor deiner Tür, bevor du aufgestanden bist. Deine Stadt hat sich verändert. Aber ich wollte dir doch etwas ganz anderes erzählen.

Endlich wird es mit dem Aqua alta vorbei sein. Seit elf Jahren bauen sie nun an einer Art mobilem Staudamm. In ungefähr zwei Jahren soll das Ganze fertig sein. Stell dir vor: Bei Hochwasser können sie die Stadt mit einem mobilen Staudamm abriegeln. Toll nicht war? 4,6 Milliarden Euro soll es allerdings kosten. Euro, das ist übrigens ein Einheitsgeld hier in Europa. Die verschiedenen Währungen waren viel zu kompliziert. So fliesst das Geld viel einfacher, schneller, und man kann sich besser gegenseitig unterstützen. Das Projekt nennt sich Modulo sperimentale elettromeccanico, oder kurz Mose.

Jetzt war ich neulich auf dem Canal Grande unterwegs und lese ganz schockiert auf grossen roten Tüchern «El Cuor no se vende», «Venezia è sacra» und Ähnliches. Darauf konnte ich mir keinen Reim machen und habe deshalb nachgefragt. Es ist fürchterlich, aber wahr: 35 Politiker wurden verhaftet wegen Verdachts der Korruption und Geldwäscherei, darunter auch der Bürgermeister – offenbar wird hier doch das Herz verkauft und heilig ist schon gar nichts. Einziger Trost: In Mailand haben sie wegen einer Ausstellung, der Expo 2015, auch schon viele Leute verhaftet – Venedig ist also nicht allein.

A proposito Ausstellung. Ich war an der Biennale für Architektur. Das ist eine prestigeträchtige Sache. Du kennst das ja, diesen Wettlauf zwischen den Städten. Einmal war es Genua, dann wieder Venedig usw. Nun jedenfalls präsentieren sich da verschiedene Länder zu einem Thema. Da schlagen einige richtige intellektuelle Purzelbäume, sodass du nachher nicht mehr weisst, was denn eigentlich Sache ist. Es erinnert ein bisschen an ein Schaulaufen. Ach ja, und es gibt Preise. Goldene und Silberne Löwen. Abgesehen davon ist mir wieder einmal bewusst geworden, dass es gar nicht so einfach ist, einander über die Kulturen hinweg wirklich zu verstehen und vom Gleichen zu sprechen. Wie hast du das eigentlich gemacht?

Entschuldige, Marco, aber ich muss mich beeilen. Ich muss zum Flughafen. Den haben sie übrigens nach dir benannt. Ich fliege, weil das schneller ist und Zeit schliesslich auch Geld ist. Es hat auch den Vorteil, dass, wenn du mal im richtigen Flieger sitzt, dich auch auf langen Reisen nicht verlierst, weil du einen anderen Weg einschlägst. Nicht so wie du damals. Du bist doch immer wieder irgendwo geblieben und hast schliesslich Jahre, Jahrzehnte gebraucht, um anzukommen. So genug der Plapperei – ich muss gehen. Der Flieger wartet nicht.

Auf ein anderes Mal. Ich grüsse dich aus der Ferne

Brigitta Schild

Weitere spannende Artikel zur Biennale in der aktuellen Ausgabe des Modulør (5/14).

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