DAS IMMATERIELLE KULTURERBE MUSS NICHT VON GESTERN SEIN: STADTGÄRTEN, OPEN-AIRS UND WOHNBAUGENOSSENSCHAFTEN

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199 Einträge enthält die Liste der lebendigen Traditionen  der Schweiz. Sie ist im Internet unter www.lebendige-traditionen.ch einsehbar und sie wird mit nützlichen Zusatzinformationen ergänzt. Wer glaubt, neben Jodeln, Schwingen und Brienzer Holzschnitzerei nur weitere Traditionen aus der Zeit der ersten Durchführung des Unspunnenfests Anfang des 18. Jahrhunderts zu finden, dem rate ich, unvoreingenommen in die Liste reinzuschauen. Die Liste basiert auf dem Übereinkommen der United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization (Unesco) zur Bewahrung des immateriellen Kulturerbes aus dem Jahre 2006. Das Übereinkommen ist von der Schweiz zwei Jahre später ratifiziert worden. Es verlangt von den Vertragsstaaten, dass sie günstige Rahmenbedingungen für die Überlieferung schaffen und die unterschiedlichen Träger des immateriellen Kulturerbes anerkennen. Und dass sie mit einer repräsentativen Liste darauf aufmerksam machen sowie dafür sorgen, dass die Massnahmen zur Bewahrung finanziell und technisch unterstützt werden. Die Traditionen der Schweiz wurden Anfang dieses Jahrzehnts kantonsweise zusammengetragen und von einem Expertenteam beim Bundesamt für Kultur konsolidiert. Selbstverständlich konnten nicht alle regionalen und lokalen Traditionen aufgenommen werden. Die heutigen Einträge sind aber für die Schweiz repräsentativ und werden in fünf Kategorien präsentiert. Darstellende Künste wie beispielsweise das Alphorn- und Büchelspiel oder das Winzerfest in Vevey, das nächstes Jahr wieder stattfindet. Gesellschaftliche Praktiken wie beispielsweise die Prozessionen in der Karwoche in Mendrisio mit ihren «Trasparenti», also Leuchtbildern über den Gassen, oder die Glarner Landsgemeinde. Mündliche Ausdrucksweisen wie beispielsweise der Appenzeller Witz oder die Zweisprachigkeit in Biel. Traditionelles Handwerk wie beispielsweise das Köhlern im Entlebuch oder das Strohflechten im Freiamt. Und der Umgang mit der Natur wie beispielsweise der Kirschenanbau oder die Freiberger Pferdezucht. Mitte 2018 sind über 30 weitere Traditionen dazugekommen. Einige davon haben mich überrascht: So sind unter anderem die Selbstverwaltung des autonomen Jugendzentrums in Biel, das Wesen der Wohnbaugenossenschaften in Zürich, die Kultur der Grotti in der italienischen Schweiz, die Zürcher Technokultur, das Mammut-Flossrennen auf Sitter und Thur, das Stadtgärtnern, aber auch die vielen Open-Air-Veranstaltungen in der ganzen Schweiz aufgenommen worden. Damit ist klar, dass neue Traditionen entstehen und dass alte Traditionen immer wieder von neuem gepflegt und über Generationen weitergereicht werden müssen. Die Erweiterung des Kulturerbes um die immaterielle Komponente vergrössert die kulturellen Möglichkeiten bei einem Ortsbesuch. Auf jeden Fall lohnt es sich, die Liste der lebendigen Traditionen im Voraus anzuschauen, und eventuell gibt der Veranstaltungskalender auf der genannten Website gleich den richtigen Zeitpunkt für einen Besuch vor. So lernt man die Orte von ganz neuen Seiten kennen.

TIPP

Zum immateriellen Kulturerbe führt die Website www.lebendige-traditionen.ch. Darauf sind 199 Einträge zu finden. Sie lassen sich nach Kategorie und Kanton filtern. Zu jeder Tradition ist ein Kurzbeschrieb vorhanden. Eine detaillierte Beschreibung ist in der Sprache der Tradition verlinkt. Interessant sind auch die zugehörigen Kantonszusammenfassungen. Diese zeigen das immaterielle Kulturerbe über den ganzen Kanton, und es sind auch Hinweise auf weitere lokale, regionale und kantonale Traditionen und Informationskanäle im Kanton oder in übergeordneten Regionen abrufbar. Die Liste und insbesondere der Veranstaltungskalender werden laufend aktualisiert.


Dr. Urs Wiederkehr ist Bauingenieur und Leiter Dienstleistungen und Form (Weiterbildung) der Geschäftsstelle des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins (SIA). In dieser 8-teiligen Kolumne gibt er Tipps, wie jeder Einzelne auch das unbekannte Kulturerbe mit digitalen Helfern entdecken kann.

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