Avantgarde in Bahia

Diógenes Rebouças: Freilichtbühne und Auditorium der Schule «Escola Parque» (1950).

Diógenes Rebouças: Aussenbereich der Schule «Escola Parque» (1950).

Die Architektur der 1940er bis 1960er Jahre im Bundesstaat Bahia ist eines der schönsten Geheimnisse der brasilianischen Moderne. Zu ihren Protagonisten gehören Architekten wie Diógenes Rebouças, Lina Bo Bardi und João Filgueiras Lima.

Werkhalle der «Escola Parque»: Der Pädogoge Anísio Teixeira aus Bahia initierte das Bildungskonzept mit künstlerischen und handwerklichen Angeboten.

Der zweifelsohne wichtigste Protagonist jener Zeitspanne war Diógenes Rebouças (1914–94). Die Begegnung mit Politikern, Unternehmern und Intellektuellen ließ den Architekten und Künstler zu einer Schlüsselfigur in der Konsolidierung der Moderne Brasiliens und insbesondere der städtischen Konfiguration von Salvador werden. Als Mitglied einer Kommission für Stadtplanung beeinflusste er Ende der 1950er Jahre mit dem Entwurf von neuen alleenartigen Verkehrsachsen (parkways) maßgeblich die an den kolonialen Stadtkern grenzende Stadtlandschaft Salvadors.

Diógenes Rebouças, Américo Simas und Oscar Caetano Silva (1963–1967): Verbindungstrakt zwischen Hörsaal und Seminarräumen der Fakultät für Architektur der Universidade Federal da Bahia (UFBA).

Diógenes Rebouças, Américo Simas und Oscar Caetano Silva (1963–1967): Verbindungstrakt zwischen Hörsaal und Seminarräumen der Fakultät für Architektur der Universidade Federal da Bahia (UFBA).

Rebouças zahlreiche Bauten unterschiedlicher Größe für verschiedenste Zwecke folgten dem Credo der «Carioca»-Schule aus Rio de Janeiro – jener von Oscar Niemeyer, Lúcio Costa und Weggefährten eingeschlagenen Richtung brasilianischer Moderne, die sich Prinzipien Le Corbusiers angeeignet hatte. Hervorzuheben sind Rebouças Hotel da Bahia (1947–51), das Stadion Fonte Nova (1942–51, inzwischen leider von einem Neubau ersetzt) sowie Bauten im Bildungsbereich.

Blick aus einem Seminarraum der UFBA: Fernsehturm von Diógenes Rebouças.

Blick aus einem Seminarraum der UFBA: Fernsehturm von Diógenes Rebouças.

Ab den 1960er Jahren widmete sich Diógenes Rebouças intensiv seiner Professur an der staatlichen Universität (UFBA). Schon 1959 hatte die zuvor in Sao Paulo tätige Lina Bo Bardi (1914–1992) seine Einladung angenommen, ebenfalls in Salvador zu lehren und zu bauen. Die nachfolgende Generation an Architekten, die Bahias Moderne prägten, folgte dann eher dem Weg, den die in Rom geborene Architektin eingeschlagen hatte: die Verbindung von moderner Architektur mit traditionellen Elementen. Ein wunderbares Beispiel ist Bo Bardis Museum «Casa do Benin», das sich mitten im Weltkulturerbe-Areal der Altstadt Salvadors befindet.

 «Casa do Benin» (1987): Für das Museum für afrobrasilianische Kunst fügte Lina Bo Bardi in ein altes Kolonialhaus einen Innenausbau in Stahlbeton ein.

«Casa do Benin» (1987): Für das Museum für afrobrasilianische Kunst fügte Lina Bo Bardi in ein altes Kolonialhaus einen Innenausbau in Stahlbeton ein.

«Ladeira da Misericórdia»: Lina Bo Bardis am Steilhang der Altstadt gelegenes, einfaches Restaurant. Lelé gestaltete die Wände mit dünnen Wänden in Falttechnik.

«Ladeira da Misericórdia»: Lina Bo Bardis am Steilhang der Altstadt gelegenes, einfaches Restaurant. Lelé gestaltete die Wände mit dünnen Wänden in Falttechnik.

Blick auf die Bucht von Salvador aus dem Restaurant «Ladeira da Misericórdia».

Blick auf die Bucht von Salvador aus dem Restaurant «Ladeira da Misericórdia».

Für die Zeitspanne der 1970er und 1980er Jahre ist auch João Filgueiras Lima (genannt Lelé) als weiterer bedeutender Architekt in Bahía zu  nennen. Nach einer Tätigkeit in Brasília schuf er einige herausragende Bauten für Salvador. Ob beim Bau von Krankenhäusern, dem neuen Administrationszentrums von Bahía oder auch dem Rathaus: Stets experimentierte Lelé mit «pre-fab»-Produktionsweisen. Mal in Beton – und dann von scheinbar brutalistischem Erscheinungsbild – und mal in Stahl und Glas. Wer Brasiliens Moderne jenseits von Rio de Janeiro, Sao Paulo oder Brasília kennenlernen möchte, ist in Salvador gut aufgehoben. Das Geheimnis darf gelüftet werden.

Künstlerische Intervention (April 2016) auf der Dachterrasse des derzeit ungenutzten «Ladeira da Misericórdia».

Künstlerische Intervention (April 2016) auf der Dachterrasse des derzeit ungenutzten «Ladeira da Misericórdia».

João Filgueiras Lima: Die Savador City Hall (1986) wurde in zwölf Tagen aus vorfabrizierten Stahlelementen errichtet.

João Filgueiras Lima: Die Savador City Hall (1986) wurde in zwölf Tagen aus vorfabrizierten Stahlelementen errichtet.

Skyline von Salvador: Drei Millionen Menschen leben Hauptstadt des Bundesstaats Bahia.

Skyline von Salvador: Drei Millionen Menschen leben Hauptstadt des Bundesstaats Bahia.

Text: Nivaldo Vieira de Andrade

Fotos: Dr. des. Bärbel Högner

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