Vegi im 1930er-Jahre-Look

Setting vor der Eröffnung Hiltl Sihlpost

Im März wurde die neue Hiltl Sihlpost am zukünftigen Europaplatz in Zürich eröffnet. Im stilvollen Retrolook empfängt das siebte Lokal von Rolf Hiltl seine Gäste und trumpft dabei mit einigen Besonderheiten auf. Mit viel Leidenschaft und Aufwand ist das Szenenbild des Restaurants in die 1930er-Jahre zurückversetzt worden – und auch die original Posttheke und Postfächer von damals sind an ihren Ursprungsort zurückgekehrt.

Aussenansicht Abend

100 Gäste auf 250 m² kommen in der neuen Hiltl Sihlpost in den Genuss der bewährten Vegiküche, weitere 100 werden im Frühling auf dem Aussenboulevard dazukommen. Das Lokal ist das siebte in der Reihe von Inhaber und Geschäftsführer Rolf Hiltl, der sich beim Umbau der Sihlpost vor 15 Jahren spontan entschieden hat, das Mobiliar zu übernehmen: «Ich erkundigte mich bei der Post, was mit dem Mobiliar geschieht. Als ich erfuhr, das man alles entsorgt, fragte ich, ob ich es behalten dürfte», erzählt der Vegikönig aus Zürich. So wurden Telefonkabinen, Postfächer, Schalttheken und Postsäcke in das firmeneigene Lager abtransportiert – ohne zu wissen, ob und wie es später wiederverwendet werden soll. Dass es dann ausgerechnt der Originalstandort sein würde, wagte sich Hiltl jedoch nicht in seinen kühnsten Träumen auszumalen.

Der Wartesaal resp. Esssaal in der Hiltl Sihlpost

Hiltl und seine Partner sind bei Neu- und Umbauten seit Jahren ein eingespieltes Team. Für die Architektur der Hilt Sihlpost verantwortlich waren einmal mehr Oberholzer & Brüschweiler Architekten, und Szenenbildnerin Ushi Tamborriello gestaltete die Atmosphäre in den Räumlichkeiten. «Die Tatsache, dass wir uns nicht nur in den historischen Räumlichkeiten bewegten, sondern uns darüber hinaus originale Ausstattungsgegenstände der alten Sihlpost zur Verfügung standen, hatte einen grossen Einfluss auf die Konzeption des Lokals», verrät die Innenarchitektin.

Der Gussasphalt am Boden wurde erneuert und mit einer klassischen Strassenmarkierung als Träger der Signaletik genutzt. Die roh betonierten, verputzen Wände und die historischen Pilzstützen wurden durch Sandstrahlen von ihren Beschichtungen befreit und in ihrer Rauheit belassen. Der Liftkubus samt Technik wurde im Gefüge der alten Postfächer untergebracht.

Postfächer aus den 30er-Jahren mit integrierter Handyladestation

Die lange, hölzerne Bartheke aus den alten Schalterelementen der Post findet sich unter der «schwebenden» Galerie ein. Das Hiltl Buffet, in der ehemaligen Einfahrt der «Post-Garage» platziert, bildet das Herzstück des gesamten Raumgefüges. Es kann als komplettes Element unter die Decke gezogen werden und gibt den Raum unter sich frei.

Die alte Posttheke im Vordergrund, die Fallblatt-Anzeige im Hintergrund 2Das Hiltl Buffet mit über 90 vegetarischen und veganen Speisen

Im Stile der alten Paketrutschen führt eine Treppe hinauf zur Galerie, wo die Hälfte der Gäste untergebracht werden können. Die Treppe zu den Toiletten im Untergeschoss zollt der Nostalgie ebenfalls Tribut. Dort begleiten den Gast Postverteilgrafiken aus dem PTT-Archiv von 1930 mit den inländischen und ausländischen Postverbindungen von damals.

Der Treppenaufgang in den Lounge-Bereich auf der Galerie erinnert an die ehemalige Post-PaketschüttenLounge auf der "schwebenden" Galerie der Hiltl SihlpostTreppenaufgang mit historischen Postverteilplänen der 30er-Jahre

Den letzten Schliff erhält der 1930er-Jahre-Look des Lokals durch die Vielzahl an Deko-Elementen, die die Firma Vintage-Village aus dem Zürcher Oberland zusammengetragen und restauriert hat – oder künstlich altern liess. «Wir mussten zum Beispiel auch eine alte Bahnhofsuhr restaurieren. Die gesamte Mechanik haben wir entfernt und fertigten im Atelier neue, grammgenaue Zeiger an, während gleichzeitig über das Wochenende neue elekronische Komponenten gebaut wurden, damit wir Montags die Uhr in Zürich einbauen konnten», beschreibt Marco D. Jakob, Inhaber von Vintage-Village, der schon die Rasenfassade des Hiltls an der Sihlstrasse 28 realisiert hatte, die aufwändigen Restaurationsarbeiten.

Wartesaal resp. Esssaal in der Hiltl Sihlpost

Ein weiteres Highlight sind zwei historische Leuchtreklamen. Im Atelier von Marco D. Jakob wurden aus einem Puzzle aus Acryl und Glasscherben die originalen Gläser wieder zusammengefügt und fixiert, während gleichzeitig die Elektrik komplett innerhalb von knapp einem Tag erneuert und auf stromsparende, dimmbare Leuchtmittel umgebaut wurde. Die Metallteile hat man nicht sandgestrahlt und lackiert, sondern in Kleinarbeit gereinigt und den Rost chemisch fixiert, damit die Patina und Historie an dem Objekt ablesbar bleibt. Diese Methode wurde bei vielen Gegenständen für das Restaurant angewandt. Die alte Bahnhofsuhr, die Leuchtreklame, Postkarten- und Zeitungshalter, der Kerzenständer und vieles mehr sind von überall in Europa zusammengetragen, sorgfältig im Atelier restauriert, und im neuen Lokal platziert worden.

PTT-Zeichen aus den 30er-JahrenPostkartenständerZuckerstation

Für das passende Licht und somit die nötige Wohlfühlatmosphäre sorgt ein innovatives Lichtkonzept der Firma Königslicht GmbH, das von der Prolux Licht AG aus Schlieren umgesetzt und montiert wurde. Die 200 mundgeblasenen Glaskugeln sind mit speziellen LED-Prints ausgestattet, jedes der bronzefarben eloxierten Rohre wurden einzeln angefertigt.

Lichter

Für die zusätzliche Portion Retro-Gefühl sorgt das Rasseln der 10 m langen Fallblattanzeige des jungen Essener Unternehmens «vierkant», die das Self- und Take Away-Angebot der Hiltl Sihlpost mit den original rotierenden Zeichen der historischen Anzeige des Flughafens Köln/Bonn präsentiert. «Wir verbinden das mechanische mit dem digitalen Zeitalter. Den historischen Charme, mit Schweizer Technologie von Omega, bewahren wir, indem wir ihr einen neuen Kontext geben und sie mit der digitalen Welt verbinden», erzählt Co-Founder Georg Moser. Die so kreierte emotionale «Reiseatmosphäre» passt perfekt an den Standort am Zürcher Hauptbahnhof.

Fallblatt-Anzeige im Detail

Projektinformationen

Kunde: Hiltl AG
Architekten: Oberholzer & Brüschwiler Architkten
Bauleitung: qb quali-bau GmbH
Innenarchitektur & Szenenbild: ushitamborriello
Deko-Elemente: Marco D. Jakob, Vintage-Village GmbH
Lichtplanung & -montage: Königslicht GmbH / Prolux Licht AG
Fallblattanzeige: vierkant OHG
Fotos: z. V. gestellt von Hiltl AG

 

Kommentar verfassen