LIEBER LÁSZLÓ

Brigitta SchildBrigitta Schild, dipl. Arch. ETH und freischaffende Journalistin, schreibt einen Brief an László Moholy-Nagy (* 20. Juli 1895 in Bácsborsód, Österreich-Ungarn; † 24. November 1946 in Chicago) war Maler, Fotograf, Typograf und Bühnenbildner. Er gilt als einer der bedeutendsten Lehrer am Bauhaus.

LIEBER LÁSZLÓ

ich war drauf und dran auch Edison zu schreiben. Aber seine Betrachtung des Lichts ist so technokratisch, seine Sicht der Elektrifizierung so pragmatisch. Ich komm mit ihm nicht klar. Wenn da kein Platz für Poesie, kein Raum für Schatten ist – wo bleibt dann der Zauber? Wo die Magie wie in deinem «Licht-Raum-Modulator »? Dafür möchte ich mich übrigens endlich mal bei dir bedanken – und auch sonst für deine Arbeiten. Du hast die Möglichkeiten der Zeit künstlerisch ausgelotet mit Metall, Papier, Licht, Farben, Kunststoff, mit der Kamera und im Labor. Deine Fotogramme, dieses Spiel zwischen weichen und harten Schatten, hast du als «Malen mit Licht» bezeichnet. Verständlich. Aber lass uns kurz zurückschauen: 1879 brachte der gewiefte Unternehmer Edison  die Glühbirne auf den Markt. 1892 tanzte Loïe Fuller im wallenden, weissen Umhang ihre Lichtskulptur in den Folies Bergère, drei Jahre später führten die Brüder Lumière ihre Filme vor, Kinos wurden gebaut, und erste Kaufhäuser zogen die Massen an mit ihren Leuchtreklamen. Die Elektrifizierung der Stadt begann und krempelte bisherige Seh- und Lebensgewohnheiten um. Nichts war mehr wie vorher. Die Nacht verlor ihre Bedrohlichkeit, die Strassen wurden zu Bühnen, auf denen das Leben vierundzwanzig Stunden pulsieren konnte. Das elektrische Licht wurde zur Metapher für die Moderne und die Leuchtreklamen zum Markenzeichen einer Weltstadt.

So viel zum Hintergrund von 1920. Da warst du fünfundzwanzig Jahre alt und kamst von Budapest nach Berlin. Zuvor hattest du das Jurastudium fürs Malen und Zeichnen aufgegeben. Die offene und moderne Grossstadt war damals ein Magnet für Intellektuelle und Künstler. Da hast du unter anderen Walter Gropius kennen gelernt, der dich als Nachfolger von Johannes Itten nach Weimar berief, dann nach Dessau ans Bauhaus. Im Brennpunkt der Moderne unterrichten, diskutieren, Bauhausbücher herausgeben, selber malen, fotografieren, filmen – alles gleichzeitig. Wie hast du das eigentlich alles geschafft? Als hättest du geahnt, wie kurz eine Lebenszeit sein kann. Irgendwann in dieser Zeit hast du den «Licht-Raum-Modulator» entwickelt. Als «Lichtrequisit», als «einen Apparat von Licht und Bewegungserscheinungen» hast du ihn bezeichnet. Diese sich drehende Komposition von farbigen Glühbirnen, gelochten Scheiben und Stäben ist in ihren klaren Formen eigentlich eine verfilmte Abstraktion von Architektur – ein poetisch farbiges Schattenspiel der Geometrie. Grossartig! Aber all diese künstlerischen Experimente der damaligen Avantgarde würgte die Politik bald ab. Von nun an musste alles laut, das Licht grell und total sein. Scheinwerfer für Marschierende und Brüllende. Albert Speer wusste, wie man kraftvollschwülstig die Masse unterhielt. Du, Ungar mit jüdischen Wurzeln, warst da zum Glück schon weg. In Amsterdam. Und als die Braunen 1937 deine Werke in ihrer Ausstellung «Entartete Kunst» zeigten, gingst du für immer in die USA. Zwei Jahre später hast du dort das Nachfolgeinstitut der American School of Design in Chicago gegründet – und wie üblich daneben als Künstler gearbeitet.

Lieber László, du fragst dich sicher, wie es denn heute so ist. Natürlich sind wir immer noch den Metropolen verfallen, lieben deren Lichter, das Nachtleben, die Kultur und sind immer wieder im Konsumrausch. Aber, was das Licht betrifft, sprechen wir inzwischen schon von Lichtverschmutzung durch Strassenbeleuchtung, Flutlichtanlagen, Industriebeleuchtung und so weiter. Über unseren Städten hängen nun Lichtglocken. Die versuchen wir per Gesetz in den Griff zu bekommen. Weniger wäre definitiv mehr. Das wissen wir. Aber irgendwie scheints, als hätte Jenny Holzer bereits 1982 in einem ihrer «Truisms» die Situation auf den Punkt gebracht, als sie auf den LED-Screens am One Times Square geschrieben hatte: «Protect me from what I want.»

Herzliche Grüsse

Brigitta

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