Ein Gentle Genius für den Genius Loci

Erblickt man diesen fein artikulierten Baukörper im Stadtbild von Altamura in Apulien, denkt man unverzüglich an einen Neubau. Erstaunlicherweise handelt es sich bei diesem roten Blickfang jedoch um einen Umbau. GG-loop Architekten machten mit  ihrem Projekt «Gentle Genius» aus einer energetischen Sanierung der Gebäudehülle einen auffallenden Beitrag zur Stadtidentität.

Mit einem Umbau entstand ein Bijou fürs Auge und ein Orientierungspunkt für das 70’000 Einwohner schwere Altamura, das Teil der Metropolitanstadt Bari ist. Die Fassade erscheint an einigen Orten flach und ruhig, an anderen Orten chaotisch und dramatisch. Sie funktioniert somit wie ein Spiegel für das Familienleben ihrer Bewohner. Der Genius Loci konnte hier nach Jahren des Verfalls wieder auferstehen.

Zu seiner Entstehung berufen sich die Architekten auf das römische Konzept des Genius Loci. Die Bedeutung des Ortes war so beim Entwurf Ausgangspunkt für eine Melodie, welche die Architekten durch die feine Analyse der Umgebung dirigierten. Dass diese Melodie sich trotz futuristischer Formen und neuartiger Architektursprache harmonisch in den Ort einfügt, zeigt sich bei näherer Betrachtung der städtischen Situation. Lage und Dimension der Balkone haben sich durch den Umbau nicht geändert, wodurch die Kleinmassstäblichkeit des gewachsenen Stadtgefüges weiterhin erkennbar bleibt. Auch die geometrisch komplexe Abwicklung der Fassade ist in Anlehnung an den für den Ort charakteristischen Fassadenaufbau konzipiert: Die bei italienischen Bauten dieser Zeit oft vorzufindenden Gesimse zur visuellen Abtrennung der Geschosse wurden durch das gekonnte Situieren der Prismen zeitgenössisch interpretiert.

Nebst dem Bezug auf den Kontext gelingt auch eine sehr verspielte, spannungsvolle Fassade. Die von den Architekten genannte Melodie ist nicht steif, sondern abwechslungsreich, kräftig und frei. Einer gelungenen Improvisation gleich bringt der Baukörper eine neue Tonart in die urbane musikalische Partitur. Die belebte Volumetrie lässt die Fassade vibrieren. Die Struktur tritt als bewegte Oberfläche ins Blickfeld und lässt somit auch die Umgebung aufleben. Die Wahrnehmung ist nicht mehr linear, sondern findet auf verschiedenen Ebenen statt. Das Gebäude soll, so die Architekten, die schlafenden Gefühle des Unterbewussten aufwecken und so die Intensität der Ortswahrnehmung verstärken. Die Wahl der Farbe rot steht natürlich emblematisch für dieses Bestreben.

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Die Konstruktion des äusseren Gebäudehülle erforderte gekonnten Umgang mit geometrischer Komplexität.

Die Konstruktion des äusseren Gebäudehülle erforderte erfahrenen Umgang mit geometrischer Komplexität.

Die fein platzierten Fassadenelemente bringen nebst gestaltenden Faktoren auch eine funktionale Komponente mit sich. Die Paneele steigern die energetische Performanz des Gebäudes um ein Vieles. Für die äusserste Schicht der Gebäudehülle wurden EIFS (Exterior Installation finishing systems) eingesetzt, die aus 24 verschiedenen Typen von prismatischen EPS Paneelen bestehen. Die futuristische Geometrie des Äusseren  strickt sich im Innern bis in die Möbel weiter. Wer denkt, für neue Wohnstandards und ein zeitgenössisches Erscheinungsbild sei ein relativ kleiner Baukörper vorstädtischer Qualität ungeeignet und dem Abriss geweiht, sollte dies vielleicht noch einmal überdenken. Denn der Gentle Genius ist ein Beweis dafür, dass nicht nur ein Neubau diesen Anforderungen gerecht werden kann.

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Architekt:  GG-loop
Programm: Sanierung der Gebäudehülle (Energiespartechnik)
Ort: Via Alessandro Manzoni, 25, 70022 Altamura, Italy
Jahr: 2013 – 2015
Fotograf: Michael Sieber

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