Der Ort vergisst nie

Das Rivesaltes Memorial von Rudy Ricciotti, Passelac & Roques Architects. Foto: Kevin Dolmaire / Région Languedoc-Roussillon

Das Rivesaltes Memorial von Rudy Ricciotti und Passelac & Roques ist ein Monolith aus ockerfarbigem Beton. Der 220 Meter lange Block befindet sich mehrheitlich unter der Erde. Nur durch eine geringe Neigung des Baukörper zum Himmel ist er von aussen sichtbar. Der Entwurf hatte die Akzeptanz des Ortes und seiner tragischen Geschichte zum Ziel. Zwischen Himmel und Erde, Vergangenheit und Erinnerung, situiert sich das Memorial im gegenwärtigen Leben. Seine formelle Gewalt bestätigt die Unmöglichkeit des Vergessens.

Das Areal des Camp de Rivesaltes heute. Foto: M. Hedelin

Camp de Rivesaltes ist ein Ort der Geschichte. Erst bei näherer Betrachtung fällt ins Auge, wie viele dunkle Kapitel sich seit einem Jahrhundert hier abgespielt haben. Der Ort ist Zeitzeuge des Spanischen Bürgerkriegs, des Zweiten Weltkriegs und des Algerischen Unabhängigkeitskriegs. Einige der dunkelsten Momente der französischen Geschichte haben sich hier niedergeschlagen: Rivesaltes beherbergte ein ehemaliges Militärlager («Camp Joffre»), ein spanisches Flüchtlingslager, das grösste Internierungslager in Südfrankreich von 1941 bis 1942, ein Gefangenenlager deutscher Kriegsbetroffenen und das primäre Verteilungszentrum für Harkis und ihre Familien.

Ansicht des Camp de Rivesaltes – das Memorial hebt sich nur fein von der Terrainlinie ab. Foto: Kevin Dolmaire

Die Schichten der Zeit überstülpen sich zu einem Terrain Vague. Mit der Gedenkstätte soll nun der Dichte an Information und Bedeutung Rechnung getragen werden. Eröffnet am 16. Oktober 2015, befindet sich der Neubau an der Stelle des ehemaligen «Block F» und erstreckt sich über eine Fläche von 4000 Quadratmeter. Das Gebäude verstärkt die Möglichkeit der Reflexion und Anteilnahme nicht nur durch sein inhaltliches Aufarbeiten der tragischen Geschichten, sondern auch durch die architektonische Sprache. «Wir können uns der Geschichte von Camp Joffre nicht entziehen, indem wir ein Diskurs führen, der dem Drama dieses Ortes teilnahmslos gegenübersieht», sagt Architekt Rudy Ricciotti und fügt an «Der Ort vergisst nie». Das Akzeptieren der Häuserblocks, des Rasters und der entfremdenden militärischen Geometrie waren für Ricciotti Voraussetzung für den Entwurf.

Die Fassade erstrahlt in ockerfarbigen Beton. Foto: Kevin Dolmaire

Die Gravitation scheint der Schwere des monumentalen Baukörpers nicht zu trotzen und zieht ihn unter die Erde, so tief, dass er der Ansicht des Ortes nahezu entschwindet. Diese visuelle Abwesenheit kräftigt die Bedeutung des Monuments. Tritt man als Besucher aufs Gelände, folgt man zuerst einem geschwungenen Pfad, der dann kopfseitig auf den quaderförmigen, noch unsichtbaren Monumentalbau trifft. Erdiges, massives Gestein erscheint in klaren, starken Formen. Der ockerfarbige Beton präsentiert sich dunkel, rau und schwer. Das Eintreten kommt einem Ritual gleich, das den Besucher immer wieder auf sich selbst zurückwirft. Über eine lange Rampe verlangsamt sich das Tempo. Bewegte man sich gerade noch in einer bewusst der Verbrachung ausgesetzten Landschaft, findet man sich plötzlich in einem klar definierten Innenraum, abgeschnitten von der Aussenwelt. Ein Kontrast stellt sich ein – zwischen der monumentalen Massivität und der spontan wachsenden, belebender Vegetation, welche die zerbrechlichen Überreste des Lagers umschlingt. Am Ende der Rampe tritt der Besucher ein und trifft auf die Lobby, die sich in einem gedämpften Licht erkennbar macht. Ihr gegenüber steht eine lange Mauer, frei von jeglichen Elementen, worauf eine enge Passage folgt. Der Weg öffnet sich auf eine grosszügige Säulenhalle. Aus einer behutsamen Ruhe heraus kann sich der Besucher hier den Geschichten des Ortes nähern, welche die Ausstellung zeigt.

Die Säulenhalle dient als Ausstellungsraum. Foto: Kevin Dolmaire

Im Innern des Monuments tritt das Licht stets von oben herein, der Himmel wird sichtbar. Die Ausrichtung nach oben erinnert an Sakralbauten und erzeugt Ruhe. Die klare Raumsprache und der Blick in die Vertikale geben dem Besucher das nötige Reflexionsmoment – ein Innehalten und In-sich-Gehen wird möglich. Der Besucher verlässt das Gebäude in der Gegenrichtung. Die Wege der Eintretenden und der Austretenden kreuzen sich, hie und da wird zwischen ihnen eine flüchtige Spannung erzeugt. Draussen findet sich der Besucher wieder auf dem Pfad, welcher diesmal um das ganze Gebäude herumführt und abschliessend Ausblick in die Weite der Landschaft gibt. Am Schluss richtet sich der Blick auf die gegenwärtige Umgebung. Verkörpert der Besuch eine lang ersehnte Begegnung, welche die Menschen bisher in der tragischen Realität der Geschichte nicht finden konnten? Die Frage muss jeder für sich beantworten. Mit dem Rivesaltes Memorial wurde ein aussergewöhnliches Denkmal errichtet, das die Geschichte des Ortes aufsaugt, ohne daran zu ersticken.

Die Spuren der Zeit bleiben haften. Foto: Kevin Dolmaire

Ort: Rivesaltes, Frankreich

Baujahr: 2015

Architekten: Rudy Ricciotti, Passelac & Roques

Fotograf: Kevin Dolamaire

 

Kommentar verfassen