Der Kreislauf des Lebens

_B011771Menschen zusammenzubringen, die gutes Essen schätzen, Nahrung gemeinsam anpflanzen und gedeihen lassen, sie lagern und miteinander geniessen wollen – all das vereint das Projekt «Nest We Grow» in der japanischen Region Hokkaido. Das gemeinsame Interesse für erneuerbare Materialien führte die Architekten von Kengo Kuma & Associates, zusammen mit Studenten des UC Berkeley College of Environmental Design in Kalifornien, zum Entwurf dieses Holzbaus, der einen kompletten, landwirtschaftlichen Lebenskreislauf in sich trägt.

NEST WE GROW_015Die Idee hinter «Nest We Grow» ist als Antwort auf einen internationalen Wettbewerb entstanden. Die Absicht lag darin, kalifornische Herangehensweisen bezüglich Bautechnik und Materialverwendung auf Asien zu übertragen und so gemeinsam profitieren zu können.

Für das Studententeam, bestehend aus zwei Taiwanesen, zwei Chinesen und zwei Amerikanern, gestaltete sich die Kombination grenzübergreifender Technologie mit lokalen Materialien und Methoden zuerst schwieriger, als gedacht. So werden in Amerika traditionell grössere Holzelemente miteinander verbaut als in Japan, und das Finden von geeignetem Material war sowohl von lokalen Zimmermannspraktiken als auch vom japanischen Markt abhängig. Ausserdem sorgte die geringe Bauzeit von sechs Monaten für zusätzlichen Druck.

connectionsNichtsdestotrotz konnte das Projekt wunschgemäss umgesetzt werden. Neun zentrale, mit Stahlplatten verbundene Säulen halten nun den Bau zusammen. Die horizontalen Stege, die als Erschliessungswege auf den oberen Etagen dienen, geben den vertikalen Säulen zusätzlichen Halt. Das Holzrahmenkonstrukt, von wo das Essen zum Trocknen herunterhängt, erinnert an einen japanischen Lärchenwald. In der Mitte des Nests wurde eine gesenkte Feuerstelle installiert, wo die Menschen bei einer Tasse Tee gemeinsam entspannen oder ihr Essen – physisch als auch optisch – geniessen können.

NEST WE GROW_052-1NEST WE GROW_048Das Programm des Nests hängt vom Lebenszyklus der lokalen Pflanzen ab. Hier gedeihen sie, werden gesammelt, gelagert, gekocht und gegessen – und zum Schluss kompostiert, was den Kreislauf wieder von Neuem beginnen lässt. Die Form des Baus bezeichnet darüber hinaus die Fähigkeit des Nests, Luft, Wasser und Licht zu liefern.

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Im Boden sind Blumentöpfe integriert, worin Weinreben eingepflanzt wurden. Hanfseile, die später installiert wurden, sollen die Weinreben inzwischen vertikal nach oben führen, wo sie künftig eine grüne Membrane um die Feuerstelle bilden sollen. Auf den oberen zwei Stockwerken gedeiht lokales Gemüse.

NEST WE GROW_072 NEST WE GROW_064Das Nest macht sich die transparenten Plastiktücher auf der Fassade und dem Dach zunutze. So kommt Licht für die Pflanzen ins Innere, der Raum wird während kälteren Jahreszeiten aufgewärmt, was eine längere Nutzung ermöglicht. Schiebepanels in Fassade und Dach können zudem zur Klimatisierung geöffnet werden. Das trichterförmige Dach sammelt Regenwasser und Schneeschmelze, die in Tanks weitergeleitet werden, die dann die Pflanzen in der Betonwand bewässern.
Sectional Perspective
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Die Betonwand am Grunde des Baus hilft unter anderem, die in der Region herrschenden, starken Nordwestwinde abzuwehren. Zusätzlich dient sie als riesiges Pflanzgefäss mit mehreren «Erdtaschen», die von oben und der Seite her zugänglich sind. Diese sind hüfthoch, um den Zugang zu erleichtern.

Die Küche ist zusammen mit einem Holzofen, Wassertanks, dem Kompost, der inzwischen installiert wurde, und einem Lagerraum in der dicken Wand verankert. Dies erlaubt es, das Erdgeschoss als gemeinsamen Essbereich zu nutzen. Dort steht ein grosser Tisch für eine Vielzahl an Gästen.

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Alle Mitglieder des Nests helfen dabei, jede Etappe zu vollenden. So kann das Nest zu einer Plattform werden, die auch Gästen zeigen kann, wie der Weg einer Pflanze zum Nahrungsmittel über das ganze Jahr hindurch aussieht. Die Partizipation der Community macht den Kreislauf erst komplett, das Treiben im «Nest We Grow» beruht also auf einer starken symbiotischen Beziehung. Auf nichts anderem, als dem Geben und Nehmen der Natur – und somit dem Kreislauf des Lebens.

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Projektinformationen

Projektname: Nest We Grow
Architekten: Kengo Kuma & Associates, College of Environmental Design UC Berkeley
Kunde: LIXIL JS Foundation
Ort: Hokkaido, Japan
Fläche: 85,4 m2
Fertigstellung: November 2014
Fotos: Shinkenchiku-sha Co., Ldt. / Winterbilder: Erieta Attali
Visualisierungen: UC Berkeley CED Absolvententeam

 

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