Collage House

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Die informellen Siedlungen von Mumbai prägen das Stadtbild so sehr, dass sie unmöglich wegzudenken sind. S+PS Architects arbeiteten fast zehn Jahre daran, die Adaptierbarkeit, den Einfallsreichtum und die Sparsamkeit informeller Strukturen Teil eines Neubaus zu machen, der seine Umgebung zu akzeptieren lernt. Inspiriert von Cameron Sinclair’s Zitat «The most sustainable building in the world is the one you love», erschufen die Architekten ein Wohnhaus für vier Generationen. Das Gebäude gewann mehrere internationale Preise im Bereich Nachhaltigkeit.

Explosionszeichnung der Collage-Elemente von S+PS Architects.

Explosionszeichnung der Collage-Elemente.

Der konzeptionelle Grundgedanke der Collage wurzelt im Interesse der Architekten, aus der Informalität städtischer Strukturen in Mumbai zu lernen. Die Architekten spielen mit dem Prinzip der Collage auf verschiedenen Ebenen: einerseits als physische Tatsache und andererseits aus dem Blickwinkel von Geschichte, Raum und Erinnerung. Neues und Erdachtes trifft auf Gefundenes und Gebrauchtes. Kontraste zwischen neu und alt, traditionell und zeitgenössisch, rau und fein stellen sich ein und lassen eine vielgliedrige Collage entstehen.

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Neue Materialien werden recycelten Materialien gegenübergestellt.

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Der im Eingangsbereich situierte Puja-Raum liegt hinter grün eingefärbten Glaselementen.

Die Frontfassade aus recycelten alten Holztüren und -fenster verdeutlicht bereits beim Betreten des Hauses die Leitgedanken von Recycling und Collage. Der Eingang wird durch ein eine vertikal geschichtete Glastrommel in grün markiert, welche ebenfalls aus recycelten Materialien besteht. Das Erdgeschoss ist geprägt von Bruch- und Backsteinmauern, wofür Material des Aushubs eingesetzt wurde. Die Wohnräume in hinteren Bereich des Erdgeschosses öffnen sich auf einen Gemüsegarten, der durch eine Bruchsteinauer abgeschlossen wird. Ein Regenwassertank (50’000 Liter), der an die nachhaltig konzipierte Wasserzirkulation angebunden ist, besetzt die Mitte des EG-Grundrisses. Ein Aufzug und eine gegossene Falttreppe führen ins erste Obergeschoss.

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Links endet die Falttreppe in konisch geformten Auskragungen.

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Ein Metallgewebe mit eingearbeiteten Ornamenten schliesst den Liftschacht.

Das erste Obergeschoss öffnet sich ebenerdig auf ein grosszügies Atrium, das alle darüberliegenden Geschosse durchzieht. Im Innenhof sind gleich mehrere innovative Wiederverwendungen von Abfallprodukten erkennbar, wie beispielsweise eine Verkleidung des Installationsschachts aus horizontal geschichteten Steinstreifen (Restmaterial). Ein Teil der Fassadenfläche ist zum Atrium hin mit gebrauchten Metallpaneelen bestückt. Eine kleine, farbige Mauer aus Musterziegeln steht vor vertikal geschichteten Metallrohren (Restmaterial). Stehend formen sich diese zu einer «Pipe Wall» und dienen nebst ihren raumtrennenden und visuellen Eigenschaften vor allem als Regenabflussrohre. Weitere nachhaltige Innovationen an der Gebäudehülle bilden festverdrahtete Glasjalousien und Bambusstoren für Sonnen- und Lichtschutz, sowie Solarpaneele auf dem Dach.

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Wiederverwendete Materialien im Innenhof von links nach rechts: Metallpaneele, «Pipe Wall», farbige Keramikplatten, Steinstreifen.

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Zwischen den Räumen entstehen komplexe Sichtbeziehungen.

Das Haus ist räumlich komplex, entsteht aber einer einfachen Typologie. Da das Grundstück an allen Seiten von Nachbaren umzingelt ist, wendet sich das Haus nach Innen. An den in der indischen Kultur verwurzelten Innenhof grenzt ein eingeschobenes Hufeisenvolumen, welches die Hauptnutzungen beinhaltet. Auf drei Geschossen und zusätzlichem Dachgeschoss befinden sich mehrere Schlaf-, Arbeits-, und Wohnzimmer, die dank raumprägenden Elementen im Innenraum trotz Glasfassade und räumlicher Offenheit Nischen für den Rückzug schaffen. Die Sichtbezüge über den Hof in die verschiedenen Lebensräume der vier Generationenen ermöglichen Nähe und Vielschichtigkeit. Das Haus ist introvertiert, durch die komplexen Beziehungen und Kontraste entstehen jedoch gleichsam räumliche Weite und Offenheit.

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Auch der Aussenraum lebt von verschiedenen strukturellen Durchbrüchen.

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Ein räumliches Nebeneinander und Ineinander von unterschiedlichen Funktionen prägt das Innenleben.

Vereinfacht kann das Gebäude als Kubus betrachtet werden, der an verschiedenen Stellen durchbrochen wird. Eine Betonhülle formt die Struktur des Kubus. Die Verwendung von Restteilen und Abfallprodukten schafft materielle Kontraste und bringt Erinnerungen, Ortsbezug, Geschichte und Nachhaltigkeit. Mehrgeschossige Räume, Querbezüge und Öffnungen lassen mehrschichtige räumliche Durchbrüche entstehen. Gestalterischen Brüche lassen sich an den zwei verschiedenfarbigen Balkonen erkennen, bei welchen man nicht schlüssig wird, ob sie Nachahmung einer westlichen Ideologie sind oder bewusst das Absurdum dieser Architektur suchen. Drei Grünräume – einen Gemüsegarten, einen Dachgarten und die Rasenfläche im Innenhof – bringen nicht zuletzt ein Hauch Natur in die graue Millionenstadt.

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Der an das Zimmer im Erdgeschoss angrenzende Gemüsegarten wird von einer Bruchsteinmauer ummantelt.

Die Räume richten sich zum Atrium hin.

Die Räume richten sich zum Atrium hin und zeichnen sich durch fliessende Übergange aus.

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Die Spannung und Vielgliedrigkeit der Architektur findet sich in den Details der Ausführung wieder.

Das grossräumige Vier-Generationenhaus fordert uns heraus, die visuelle Sprache des «Objet trouvé» neu einzuordnen. Integriert in die Alltagsarchitektur bleiben die «gefundenen Objekte» dennoch frei von Fetischismus. Es scheint, als ob der Betonrahmen, der alle Räume und Funktionen umschlingt, der Collage die zeitgenössisch kulturelle Seins-Berechtigung gibt. Stellen Sie sich für einen Moment vor, was diese Architektur ohne den modernistisch geprägten, strukturellen Rahmen wäre – und fragen Sie sich warum.

 

Auszeichnungen: RTF Sustainability Awards 2016 [Third Award | Category: Residence (Built)]

Grundstücksfläche: 350 m2

BGF: 520 m2

Ort: Parsik Hill, Belapur, Navi Mumbai

Projektbeginn: 2006

Fertigstellung: 2015

Architektur: S+PS Architects (spsarch@gmail.com)

Design Team: Pinkish Shah, Shilpa Gore-Shah, Mayank Patel, Gaurav Agarwal, Shrutika Nirgun, Divya Malu, Manali Patel, Ved Panchwagh, Priyadarshi Srivastava

Fotos: Sebastian Zachariah, Ira Gosalia, Photographix Pinkish Shah

 

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